Debatte um Ehe für alle "Eine Beleidigung für Homosexuelle"

2001 waren Bernd (links) und Volkmar Junghans das erste Paar in Bayern, das eine Lebenspartnerschaft eintragen ließ. Heiraten dürfen sie nach deutschem Recht noch immer nicht.

(Foto: DPA/DPAWEB)

Evan Wolfson hat 30 Jahre lang für die Legalisierung der Homoehe in den USA gekämpft - mit Erfolg. Deutschland müsse nun nachziehen, sagt er. Zum Wohl der Kinder.

Von Benedikt Peters

Am Revers trägt Evan Wolfson einen Anstecker mit einem Haus und einem Herzen darauf. Es ist das Symbol der Kampagne, die der Jurist in den USA jahrzehntelang gefahren hat, für die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe. Und es ist ein Relikt vergangener Tage: Seit Juni dürfen Homosexuelle überall in den USA heiraten. Kinder adoptieren dürfen sie schon länger. Das Time-Magazine rankte Wolfson 2004 unter die 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. Nun ist er auf Vortragsreise in Deutschland - und will sich auch hier für die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe einsetzen. Wir trafen ihn in München.

Herr Wolfson, es heißt, Sie seien am 26. Juni 2015 in Tränen ausgebrochen. Stimmt das?

Ja, das ist richtig. An dem Tag hat der Supreme Court in den USA die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert. Dafür haben wir drei Jahrzehnte lang gekämpft. Ich wusste immer: Wir können es schaffen, wir können gewinnen. Mir ist eine riesige Last von den Schultern gefallen. Sogar Vizepräsident Joe Biden hat mich angerufen, um zu gratulieren.

In den USA dürfen Homosexuelle nun heiraten, Kinder adoptieren dürfen sie schon länger. In Deutschland geht beides nicht. Sind Sie nun hier, um das zu ändern?

Es ist ein großes Problem, das Deutschland Homosexuelle nicht heiraten lässt. Die "eingetragene Lebenspartnerschaft", wie man das hier nennt, ist ja nicht dasselbe wie eine Ehe. Sie ist eine große Ungerechtigkeit und eine Beleidigung.

Regenbogenfähnlein im Wind?

Die Homo-Ehe wurde in den USA legalisiert und die Profilbilder auf Facebook leuchten plötzlich in Regenbogenfarben. Plumpe Selbstinszenierung - oder löbliche Solidarität? Ein Pro und Contra. mehr ... jetzt.de

Inwiefern?

Sie verletzt die Würde der Menschen, ihr Recht auf Gleichheit und Respekt. In einer eingetragenen Partnerschaft muss man mehr Steuern zahlen als in einer Ehe. Homosexuelle dürfen außerdem keine Kinder adoptieren - was sie natürlich trotzdem tun, zum Beispiel über Adoptionen im Ausland, die sie dann mit nach Deutschland bringen. Die Situation schadet den Kindern sehr.

Das sagen auch die Gegner der gleichgeschlechtlichen Ehe: Sie schadet den Kindern, die darin aufwachsen.

Aber das geht völlig am Problem vorbei! Über drei Jahrzehnte haben wir einen riesigen Berg an Beweismaterial zusammengetragen und sind damit vor mehr als 70 US-Gerichte gezogen. Es zeigt: Kinder homosexueller Eltern wachsen grundsätzlich genauso behütet auf wie die Kinder Heterosexueller. Aber alle Kinder brauchen Stabilität und Schutz. Die Ehe gibt einer Familie Stabilität, stärker als alles andere. Sie ist daher wichtig für das Wohl der Kinder. Wer der Beziehung zwischen Homosexuellen einen anderen Namen gibt, der sendet eine Botschaft von Anderssein, von Minderwertigkeit. Das ist der Kern des Problems. Und ganz nebenbei: Deutschland untergräbt damit seinen Anspruch als Land der Gerechtigkeit und der Menschenrechte.

Wie meinen Sie das?

Deutschland ist eigentlich gut bei der Antidiskriminierung, viel besser als die USA. Bei uns werden die Menschen stärker bei der Arbeit benachteiligt, auch bei der Wohnungssuche. Es gibt mehr Diskriminierung zwischen Schwarzen und Weißen, auch zwischen Männern und Frauen. Außerdem: In Deutschland sind schon sehr viele Menschen für die Legalisierung der Homoehe, mehr als die Hälfte. Man muss diese Stimmen nur hörbar machen.

Das "Time Magazine" zählte Sie 2004 zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. Sind Sie deswegen gerade in Deutschland - um die Stimmen für die gleichgeschlechtliche Ehe hörbar zu machen?

Nein, das ist nicht meine Aufgabe. Ich halte Vorträge, um meine Erfahrungen mit der Kampagne weiterzugeben. In den USA mussten wir eine kritische Masse hinter uns bringen, sowohl in der Bevölkerung als auch bei Gerichtsentscheidungen. Das war der Schlüssel zum Erfolg. Aber Deutschland ist nicht die USA, die Leute hier müssen ihren eigenen Weg finden. Ich wünsche dem Land, dass das klappt. Denn es ist bei den Homosexuellenrechten nicht dort, wo es sein sollte.

Sie tragen Nagellack

Wer den Eindruck hat, hier gehe es viel um Sexualität, liegt richtig. Das Magazin "Straight" will weg vom "Klischee der ungeschminkten Lesbe mit Kurzhaarschnitt". Von Viola Schenz mehr ...