Nach der Panne im Atomkraftwerk Krümmel fordern Politiker Vattenfall-Kunden zum Anbieterwechsel auf. Der Meiler sei nicht mehr sicher.
Nach der neuen Panne im Atomkraftwerk Krümmel bei Hamburg haben Politiker von SPD und Grünen die Kunden des Betreibers Vattenfall zum Wechsel des Stromanbieters aufgefordert. "Dieser Pannen-Konzern muss spüren, dass man ihm nicht mehr vertraut", sagte die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Renate Künast. "Die Kunden von Vattenfall sollten den Atomausstieg vorziehen und zu einem Ökostromanbieter wechseln." Der Vize-Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Ulrich Kelber, sagte: "Vattenfall-Kunden, die das Verhalten des Konzerns für inakzeptabel halten, können zwischen Dutzenden anderen Stromanbietern wählen und dadurch Druck machen."
Bild vergrößern
Vattenfall steht nach der Panne im Atomkraftwerk Krümmel in der Kritik. (© Foto: ddp)
Anzeige
Ein Trafo-Kurzschluss hatte am Wochenende zur Schnellabschaltung des Reaktors geführt. Nach Angaben des Betreibers sollen beide Transformatoren nicht mehr repariert, sondern durch neue ersetzt werden. Krümmel werde daher nach jetzigem Stand zehn Monate stillstehen. Der Atommeiler war erst vor zwei Wochen wieder ans Netz gegangen, nachdem er wegen einer ähnlichen Panne im Sommer 2007 zwei Jahre keinen Strom liefern konnte.
Personelle Konsequenzen
Der schwedische Energiekonzern Vattenfall hat inzwischen Fehler eingeräumt und erste personelle Konsequenzen gezogen. Er entband den bisherigen Kraftwerksleiter Hans-Dieter Lucht von seinen Aufgaben. Vattenfall gestand, dass eine Messeinrichtung des Transformators vor dem Wiederanfahren des Atomkraftwerks vor rund zwei Wochen nicht installiert worden war.
Die neuerliche Panne wird an diesem Mittwoch auch die Hamburger Bürgerschaft in einer Aktuellen Stunde beschäftigen. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) räumte dem Betreiber noch einen "letzten Versuch" ein, die Probleme mit dem Kraftwerk in den Griff zu bekommen. "Wenn es dort wieder zu einer solchen Situation kommt, dann kümmere ich mich darum, dass dieses Kernkraftwerk abgeschaltet wird", sagte er am Dienstag nach einem Gespräch mit Vattenfall-Chef Tuomo Hatakka in Kiel.
Laut Berliner Zeitung hat die Bundesregierung in Antworten auf parlamentarische Anfragen der Grünen bereits 2006 und 2007 eingeräumt, dass Atomkraftwerke älterer Bauart wie Krümmel oder Biblis technisch rückständig seien. "Die neueren Siedewasserreaktoren sowie die Druckwasserreaktoren der dritten oder vierten Generation haben grundsätzlich bessere Sicherheitseigenschaften", heißt es in einer Antwort der Regierung auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen. Beim Meiler Krümmel handelt es sich um einen Siedewasserreaktor älterer Bauart.
In einer Antwort auf eine weitere Anfrage geht die Regierung dem Bericht zufolge noch weiter. Die älteren Meiler entsprächen "nicht dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik" und gehörten "nicht zu den weltweit hochmodernsten und sichersten Atomkraftwerken", heißt es da.
RWE-Vorstandschef Jürgen Großmann verteidigte in einem Interview der Bild die Sicherheit der deutschen Kernkraftwerke. "Die Kernkraftwerke in Deutschland arbeiten alle auf höchstem internationalem Niveau", sagte er. "Es ist kein einziges Kraftwerk in Betrieb, das nicht sicher ist. Auch ältere Kernkraftwerke in unserem Land sind auf Top-Niveau. Ohne Abstriche." Im internationalen Vergleich seien die "alten Anlagen" in Deutschland noch jung. Anderswo liefen sie doppelt so lange. Zudem würden die deutschen Kernkraftwerke so streng überwacht wie sonst nirgends.
"Technologische Museumsstücke"
Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Fritz Kuhn sprach sich in der Süddeutschen Zeitung dafür aus, den Atomausstieg zu beschleunigen. "Alte Meiler wie Krümmel oder Neckarwestheim sollten früher abgeschaltet werden." Sie seien schon heute "technologische Museumsstücke".
Der frühere Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement warnte unterdessen seine frühere Partei SPD davor, mit dem Thema Atompolitik in den Wahlkampf zu ziehen. "Für die SPD als Arbeitnehmerpartei ist das sehr problematisch", sagte er der Tageszeitung Die Welt. "Bei der Atomenergie in Deutschland geht es um 40.000 Arbeitsplätze." Außerdem könne man "ohne die Atomenergie die Herausforderungen des Klimawandels nicht bestehen".
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) drängt angesichts des neuen Störfalls in Krümmel darauf, die acht ältesten Atomkraftwerke in Deutschland abzuschalten und die Restlaufzeit auf neuere zu übertragen.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
- Thema
- Vattenfall RSS
- AKW Krümmel: Nach Störfall Carstensen droht Vattenfall mit Abschaltung 07.07.2009
- AKW Krümmel: Nach Störfall Vattenfall räumt Versäumnisse ein 07.07.2009
- Debatte um Atomkraft Krümmel und die Wahl 07.07.2009
- Störfall Krümmel Atomminister Gabriel: Eine Aufsicht für alle 06.07.2009
- Stromnetz Vattenfall kappt die Fernleitung 11.03.2010
- Überzogene Strompreise "Jetzt ist die Stunde des Kunden" 28.11.2009
- Vattenfall und EWE Stromkonzerne erhöhen massiv die Preise 18.11.2009
(dpa/ehr/odg)
Die Atomlobby hofft auf den Politikwechsel, denn auf einen Stimmungswechsel pro-Kernkraft in diesem Land kann sie lange warten. Sie hofft auf Politiker wie Herrn Oettinger, der pauschal allen Reaktoren in Deutschland sein Vertrauen ausspricht und sie bis auf ewig in Betrieb sehen möchte. Nun ja, Herr Oettinger hat ja auch keinen pannenanfälligen Technosaurus in seinem Bundesland stehen und die Distanz bis Krümmel versteht er wohl als ausreichenden Sicherheitsabstand. Andererseits ist aber auch Herr Oettinger nicht bereit ein atomares Endlager in Baden-Würtemberg anzubieten (Das wäre auch sein politisches Ende).
Aber die Realität wiederlegt Politiker wie Herrn Oettinger tagtäglich. Seit Jahren stehen in unserem Land etliche Reaktoren still, ohne das irgend jemand bei Dunkelheit und mit kaltem Hintern überwintern müsste. Der hierzugehörige Spruch der Atomlobby ist sowiso falsch. Zum einen ist der Anteil von Strom an der Gebäudeheizung nahe Null und zum anderen sind Kernkraftwerke viel zu weit weg von Ballungszentren um sie zur Fernwärmenutzung einzusetzen.
Jetzt zählen Taten, wenn die sich so vollmundig Engagierenden nicht zum Teil des Störfalls und dann des nicht mehr auszuschließenden Gau´s werden wollen.
Es sich einfach machen, ist in der nahezu unkontrollierten Abgeordnetenwelt schon seit langem Gewohnheit geworden. Lieber verkrampfen sich die Herrschaften in den Formulierungen. Das ist zu wenig angesichts eines drohenden Horrorszenarios, das Tschernobyl in den Schatten stellen kann. Das wollten wir nicht, nimmt Euch niemand mehr ab.
Wolfgang "RWE" Clement sagt: Arbeitsplätze!
"RWE-Vorstandschef Jürgen Großmann verteidigte in einem Interview der Bild die Sicherheit der deutschen Kernkraftwerke."
Das Interview mus ich lesen. So, wie ich die Beteiligten kenne, ist da sicher knallhart nachgefragt worden, aufgrund fundierter Recherche, und der Herr Großmann hat die Position seines Unternehmens sicher gegen viel Kritik seitens des Interviewenden verteidigen müssen.
Die Bild hat ja bekanntlich sehr atom-kritische Positionen!
(wer Ironie findet, darf sie behalten!)
Paging