Von Jens Schneider

"Teilhabe für alle" wünscht sich Kanzlerin Merkel als Leitmotiv für die Politik der CDU. Die Partei wendet sich ab vom vormaligen neoliberalen Kurs.

Die CDU-Vorsitzende und Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihre Partei beim Grundsatzprogramm-Kongress in Hanau auf einen sozialeren Kurs eingeschworen. Das Ziel der CDU müsse "Teilhabe für alle" sein, lautete das Leitmotiv ihrer Rede. Merkel warb für eine moderne CDU und sagte, der Staat müsse sich für Chancengleichheit einsetzen.

"Teilhabe für alle" lautete das zentrale Motiv der Rede von Kanzlerin Merkel (© Foto: Reuters)

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Merkel gab ein klares Signal zur Korrektur der Reformbeschlüsse des Leipziger Parteitags im Jahr 2003, die in breiten Wählerschichten als eher kalt und neoliberal empfunden worden waren und der CDU Einbußen bei der Bundestagswahl gebracht hatten. Die Kanzlerin revidierte diese Beschlüsse zwar nicht ausdrücklich, stellte aber das Ziel der Schaffung einer "Chancengesellschaft" in den Mittelpunkt ihrer Rede.

Die CDU-Spitze hatte ihre Mitglieder zu dem Programmkongress eingeladen, um den Entwurf für das neue Grundsatzprogramm zu diskutieren, das auf dem Parteitag in Hannover Anfang Dezember verabschiedet werden soll.

"Wir wollen niemanden zurücklassen", sagte Merkel. Alle Bürger sollten am Aufschwung teilhaben können. Um Teilhabe für alle zu ermöglichen, müssten für alle Chancen auf gute Bildung bestehen. Die CDU-Chefin sprach die Sorgen junger Leute ohne Perspektiven, aber auch die Situation älterer Arbeitsloser an. "Wir können uns doch nicht mit einer Gesellschaft abfinden, in der die Menschen zwar immer älter werden, aber mit Mitte fünfzig immer weniger Chancen auf einen Arbeitsplatz haben", sagte sie.

Die Kanzlerin sprach sich zwar erneut gegen einen flächendeckenden Mindestlohn aus, befürwortete aber den Einsatz für "branchenbezogene faire Löhne" und versprach, sich international für Mindeststandards bei den Arbeitsbedingungen einzusetzen. Die soziale Marktwirtschaft habe immer einen Ordnungsrahmen gebraucht. Dies gelte gerade auch in Zeiten der Globalisierung.

"Zutiefst moralische Verpflichtung"

Mit Blick auf die wachsende Zahl von Kindern, deren Eltern ihrer Verantwortung für die Erziehung nicht gerecht würden, sagte Merkel: "Wir werden der Verwahrlosung von Kindern nicht tatenlos zuschauen." In solchen Fällen müsse der Staat eingreifen. Es müsse reagiert werden, wenn "Schlagworte wie Komasaufen die Runde machen". Dies passe nicht in unsere Gesellschaft.

Die Kanzlerin bekräftigte die Notwendigkeit die Kinderbetreuung auszubauen. Ins Zentrum ihrer Rede stelle Merkel auch die Bewahrung der Schöpfung. Sie nannte den Klimaschutz eine "zutiefst moralische Verpflichtung" für die CDU. Es gehe nicht darum, ob etwas billiger oder teurer werde, sondern um die Frage, welche Welt wir unseren Nachkommen hinterlassen.

Auch der hessische Ministerpräsident Roland Koch setzte deutliche Signale für eine Positionierung der CDU in der Mitte. Mit Blick auf das Erbe der CDU würdigte Koch ausdrücklich den früheren CDU-Arbeitsminister Norbert Blüm als "einen der wichtigsten Sozialpolitiker in der Union".

Blüm war noch auf dem Leipziger Parteitag von der Parteiführung rigoros abgekanzelt worden. Jetzt betonte Koch, dass der soziale Flügel ebenso notwendig zur CDU gehöre wie der einst vom Hessen Alfred Dregger verkörperte konservative Flügel.

Koch stellte sich ausdrücklich hinter die Kanzlerin. "Dank Angela Merkel und ihrer Arbeit ist die Ausgangslage sehr viel besser geworden", sagte er. In den vergangenen Jahren hätten zu viele Menschen das Gefühl gehabt, dass die guten Zeiten vorbei seien. Dies sei keine gute Voraussetzung für Reformen gewesen. Nun sei es wichtig, dass die Menschen wieder Mut fassten.

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(SZ vom 5.9.2007)