Von Christoph Schwennicke

Die Forderungen von Bundesinnenminister Schäuble und Verteidigungsminister Jung, in Terrorabsicht entführte Passagierflugzeuge notfalls abschießen zu dürfen, sind in der Großen Koalition höchst unterschiedlich aufgenommen worden. Heftige Kritik kam von Seiten der SPD - aber auch in der CDU regte sich Widerstand.

Die Pläne von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und Verteidigungsminister Franz Josef Jung (beide CDU) zur Terrorabwehr haben die Große Koalition in einen heftigen Streit gestürzt. Die SPD griff Jung und Schäuble scharf an. Auch aus der CDU wurden Vorbehalte an den Plänen der beiden Minister laut.

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Die Opposition forderte am Mittwoch im Bundestag vergeblich eine Regierungserklärung zur inneren Sicherheit, um Klarheit über die Haltung der Regierung zu gewinnen. Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich zu der Debatte nicht.

Der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff sprach sich für eine "besonnene Debatte" über neue Mittel im Kampf gegen den Terror aus. Die Terrorbedrohung sei groß, sagte Wulff der Deutschen Presse-Agentur und stimmte darin mit Jung und Schäuble überein. Zugleich machte der CDU-Vize aber deutlich, Passagierflugzeuge könnten nicht abgeschossen werden. "Dagegen steht die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes", sagte Wulff.

Seit Tagen sorgen die Äußerungen des Verteidigungsministers und des Innenministers für Aufregung. Schäuble hatte darauf hingewiesen, dass die Gefahr eines atomaren Terroranschlags bestehe. Jung hatte erklärt, er würde im Falle einer Flugzeugentführung und eines geplanten Anschlags mit diesem Flugzeug einen Abschuss befehlen. Im Bundestag sagte Jung am Mittwoch, nichts stelle den Rechtsstaat mehr in Frage, als wenn er wehrlos sei. Das Grundgesetz müsse deshalb entsprechend geändert werden.

"Panikmachende Äußerung"

In einer hitzigen Geschäftsordnungsdebatte forderte die FDP im Bundestag, unterstützt von den Linken und den Grünen, eine Regierungserklärung zu dem Thema. Dies lehnte die Große Koalition ab. Der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Uwe Küster, betonte aber, Jungs und Schäubles Äußerungen seien nicht die Position der Regierung, sondern Einzelmeinungen. Vizekanzler Franz Müntefering (SPD) hatte zuvor davon gesprochen, Jung habe eine "Demarkationslinie" überschritten.

Die Opposition verhöhnte die Große Koalition für ihre Uneinigkeit. Sie kritisierte, dass Union und SPD eine Regierungserklärung verweigerten, die die Position der Bundesregierung klären und etwaige Hinweise Schäubles auf einen bevorstehenden Terroranschlag offenlegen sollte.

Der Grünen-Politiker Volker Beck fragte, ob es eine Grundlage für die "panikmachende Äußerung" Schäubles gebe oder ob der Innenminister sie "einfach mal so dahin gesagt" habe, um die SPD im Streit über Online-Durchsuchungen unter Druck zu setzen. Dies wäre unverantwortlich, sagte Beck.

Merkel soll Position beziehen

Der parlamentarische Geschäftsführer der FDP, Jürgen Koppelin, verwies darauf, dass sich Müntefering und Justizministerin Brigitte Zypries "genau entgegengesetzt" zu Schäuble und Jung äußerten. Die Bürger bräuchten aber "eine Auffassung zur Lage der inneren Sicherheit durch unsere Bundesregierung". Hierzu müsse Kanzlerin Angela Merkel (CDU) eine Erklärung abgeben. Auch der SPD-Abgeordnete Johannes Kahrs forderte Merkel zu einer Stellungnahme auf.

Innenminister Schäuble lässt derzeit einen Katalog von Formulierungsvorschlägen für eine Änderung des Grundgesetzes erarbeiten. Diese hatte er bereits zu Beginn des Jahres in einem SZ-Interview angekündigt. Demnach soll durch eine Ergänzung des Grundgesetz-Artikels 87a der Einsatz der Bundeswehr "in ganz außerordentlichen Extremsituationen" ermöglicht werden. Dazu gehöre auch der Abschuss von entführten Flugzeugen.

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(SZ vom 20.9.2007)