Zwei Studenten glaubten wie Tausende DDR-Bürger, die Flucht über Bulgarien sei leichter, und kamen dabei fast um - nun endlich öffnet Sofia die Akten
München, im Mai - Alles ist wieder da, als wäre es erst Minuten her. Und liegt doch fast 30Jahre zurück. Aber lebensbedrohliche Erlebnisse, über die man nicht oft spricht, werden entweder verdrängt - oder sie liegen knapp unter der Oberfläche in der Erinnerung vergraben. Abrufbereit, zum Vergessen zu schrecklich.
Bild vergrößern
"Der Feind weicht oft aus". Die Stasi kooperierte mit Bruderstaaten, um DDR-Bürger zu fassen, die die innerdeutsche Grenze (hier in Berlin) umgingen. (© Foto: AP)
Anzeige
Zum Beispiel dieser Moment, in dem Olaf Hetze seine Freundin waagerecht neben sich schweben sieht, in die Luft gerissen von Gewehrkugeln, die Nacht gespenstisch erhellt von Leuchtspurraketen, im Hintergrund Hundegebell, gebrüllte Befehle. Dann fällt Barbara Hille, Hetzes Freundin und heutige Frau, zu Boden. Lungendurchschuss, sie wird sofort bewusstlos. Hetze zerreißt sein Hemd, versucht zitternd die Wunde abzubinden, da sind sie schon bei ihnen, zwei junge bulgarische Grenzsoldaten mit Hunden. Sie schießen wild um sich. Ein Offizier stürzt dazu. Er nimmt seine Pistole aus dem Halfter, lädt durch, setzt den Lauf auf Hetzes Stirn, brüllt Unverständliches auf Bulgarisch, dann: "Faschist! Faschist!" Einer der jungen Männer schiebt den Arm seines Vorgesetzten weg, der Offizier drückt nicht ab. Stattdessen lässt er seinen Hund los, der den entsetzten Ostdeutschen in den Oberschenkel beißt. Barbara Hille liegt blutend am Boden. Sie kommt nur knapp mit dem Leben davon.
1979 geschah dieses Drama, wie Barbara und Olaf Hetze es erinnern, in einem bewaldeten Grenzstreifen zwischen Bulgarien und Griechenland nahe dem Städtchen Rudozem. Die beiden, damals Studenten, hatten fliehen wollen: aus der DDR per Touristenreise ans Schwarze Meer, dann quer durchs Land in die Berge im Süden, von dort über Griechenland in die BRD. "Der Plan", sagt Olaf Hetze mit unglücklichem Lächeln, "ging gründlich schief."
In demselben Jahr wurde eine Akte über die Gefangennahme und Auslieferung des Paares, aufgeschrieben von der bulgarischen Staatssicherheit, der Dharzhavna Sigurnost (DS), in irgendeinem Aktenschrank in Sofia abgelegt - wie viele andere Unterlagen über Republikflüchtlinge aus dem sozialistischen Bruderland. Mindestens 2000 DDR-Bürger sollen laut Berliner Stasi-Unterlagenbehörde zwischen Mauerbau und 1989 via Bulgarien zu fliehen versucht haben. Der Berliner Politologe Stefan Appelius, der seit Jahren in Bulgarien bei Zeitzeugen, Helfern und Stasi-Mitarbeitern recherchiert, Zeitungen auswertet, Akten hinterherjagt und eine "Grenzdatenbank" eingerichtet hat, spricht gar von fast 4500.
Wie viele genau es versuchten, wie viele durchkamen, wie viele erschossen wurden an der griechischen oder türkischen Grenze, was mit ihren Leichen geschah - all das ist bislang Geheimnis der Sofioter Behörden. Erst jetzt, fast 20 Jahre nach der Wende, wurden die Akten des bulgarischen Geheimdienstes einer unabhängigen Untersuchungskommission übergeben, darunter die Aufzeichnungen der Grenzpolizei zum Schicksal deutscher Flüchtlinge. Bulgarien ist damit das letzte Land des einstigen Ostblocks, das sich, mehr als zögerlich, an die Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit macht.
Der alte Apparat funktioniert
Das Gesetz mit dem opulenten Titel "Zugang und Deklassifizierung der Dokumente und Offenlegung der Beziehungen bulgarischer Bürger zum früheren Staatssicherheits- und Nachrichtendienst der Bulgarischen Volksarmee" war schon einmal in den neunziger Jahren erlassen worden, wurde aber nie umgesetzt und von der konservativen Regierung Simeon Saxcoburggotskis ganz außer Kraft gesetzt. Nun ist es seit Anfang 2007 erneut geltend, seit dem Tag, als Bulgarien EU-Mitglied wurde. Aber bis Anfang April 2008 hatte die Untersuchungskommission, die die Akten auswerten soll, nur einige Blätter zu sehen bekommen; auch jetzt glaubt kaum jemand, dass die Unterlagen nach all den Jahren noch viel Klarheit in die Geschichte der Unterdrückungsmaschinerie bringen werden. Kommissionsmitglied Valeri Katsunov: "Man kann Informationen immer fälschen oder manipulieren, und die Leute bei den Diensten sind Experten auf dem Gebiet."
Kein Wunder: In dem Land am Schwarzen Meer hatte nach der Wende die kommunistische Elite das Ruder in der Hand behalten, bis heute sitzen im Machtapparat alte Geheimdienst-Leute, selbst Präsident Georgi Parwanow hat eingestanden, mittelbar für Bulgariens Staatssicherheit gearbeitet zu haben. Dragomir Ivanow, Redakteur der Zeitung Dnevnik und Stasi-Spezialist, ist sich ganz sicher, dass nur Pressionen aus der EU sowie der Druck der Berliner Stasi-Unterlagenbehörde, die starkes Interesse an einer Akteneinsicht hat, das "große Schweigen der zuständigen Ministerien" mildern können: "Da liegen zu viele Informationen über die Verbindung der heutigen Elite zum Geheimdienst von damals", sagt Iwanow.
In Brüssel wird der lässliche Umgang des Neu-Mitglieds mit seiner kommunistischen Vergangenheit fast so kritisch gesehen wie die korrupte Selbstbedienungsmentalität der alten Kader. Die grüne Europa-Abgeordnete Gisela Kallenbach reiste deshalb zur formalen Übergabe der Archive an die Kommission am 4. April nach Sofia. Sie wollte die Akten sehen, die sich mit den deutschen Flüchtlingen beschäftigen. "Es gibt Menschen, die bis heute nicht wissen, wo ihre Angehörigen, ihre Freunde geblieben sind." Über die Zahl der Erschossenen, die in Bulgarien verscharrt wurden, gibt es nur Vermutungen. Die "Arbeitsgemeinschaft 13.August" kennt die Namen von 13 DDR-Bürgern, die zwischen 1966 und 1989 umkamen, Politikwissenschaftler Appelius geht von etwa 100 Opfern aus.
Die Hetzes hatten sich nie als Systemkritiker, nie als Opfer des politischen Systems betrachtet; er wollte Autos bauen, sie Häuser restaurieren. Freiheit, ja Freiheit wollten sie auch, aber vor allem spannende Jobs, eine echte berufliche Herausforderung. Sie war 21 und Bau-Ingenieurin, er 20 und Elektroniker, viel Lebenserfahrung hatten beide nicht, Fluchthelfer kannten sie nicht. Also fuhren sie los, mit ein paar Landkarten in der Tasche, die - darauf achtete die Stasi - entlang der Grenzen ungenau waren, im Gepäck etwas Geld, Taschenlampe, Zange für den Grenzzaun und die Badehose fürs Schwarze Meer. "Über Bulgarien kann man leichter fliehen als über die innerdeutsche Grenze - dachten wir", sagt Olaf Hetze. "Wir waren naiv und glaubten, angesichts der südländischen Mentalität der Bulgaren sei die Grenze vielleicht nicht so gut gesichert." Stattdessen: Grenzanlagen, Zäune, Patrouillen, wie überall entlang des eisernen Vorhangs.
Das Paar zahlte einen hohen Preis für seine Flucht, deren Scheitern beide nicht eine Sekunde lang in Erwägung gezogen hatten: erst Gefängnis respektive Krankenhaus in Bulgarien, Hungerstreik, Misshandlungen, Einzelhaft, dann per Flugzeug im Sammeltransport zurück in die DDR. In dem Flieger, der schon andere Hauptstädte sozialistischer Staaten abgeklappert hatte, saßen Dutzende Flüchtlinge, "jeder an einen Stasi-Offizier gekettet", erzählt Barbara Hetze in ihrer Münchner Wohnung, den Atlas mit der Südosteuropa-Karte auf den Knien. "Erst als ich in diesem Stasi-Flugzeug saß, wusste ich: Solche wie uns gibt es ja viele! Hunderte, vielleicht Tausende. Und ich hatte immer gedacht, wir seien mit unserer Idee ziemlich allein." Man habe schließlich nicht über Fluchtpläne geredet; jeder hätte bei der Stasi sein können.
Nein, allein waren die Hetzes beileibe nicht. Zwischen dem Bau und dem Fall der Mauer haben 235000Menschen die DDR "ohne Genehmigung verlassen", wie es in dem Forschungsbericht "Die verlängerte Mauer" über die Zusammenarbeit der Sicherheitsdienste des Warschauer Paktes heißt, den Monika Taschner für die Stasi-Unterlagenbehörde recherchiert hat. Insgesamt 8000 konnten in den knapp 30 Jahren, in denen der eiserne Vorhang zu war, über andere Ostblockstaaten fliehen, vor allem über die CSSR, Bulgarien und Ungarn. Etwa 25000 Menschen wurden im befreundeten sozialistischen Ausland auf ihrer mit großen Hoffnungen und vielen Illusionen angetretenen Reise aufgespürt, verpfiffen, eingefangen, gehindert, ausgeliefert, eingesperrt.
Gemeinsam war ihnen die irrige Hoffnung, anderswo sei die Flucht leichter als an der fast unüberwindlichen deutsch-deutschen Grenze. Bulgarien, das - wie alle Bruderstaaten - ein Kooperationsabkommen mit der DDR-Stasi hatte, das Beobachtertruppen des MfS zur Kontrolle der Touristen ins Land ließ und Rechtsschutzabkommen über die Rückführung der "Sperrbrecher" unterschrieb, war dabei besonders effektiv. Der Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, bedankte sich regelmäßig bei den Bruderorganen mit Danksagungen, Geschenken und Orden. "Der Feind weicht oft aus auf andere sozialistische Länder, sodass wir gezwungen sind, um Hilfe zu bitten bei der Bekämpfung des Feindes", klagte Mielke.
Stefan Appelius glaubt Belege zu haben, dass die bulgarische Stasi Todesschützen gut belohnte. Zeitzeugen hätten ihm bestätigt, was 1993 die Oppositionszeitung Anti berichtet habe: Soldaten hätten eine Kopfprämie von 2000 Lewa (im armen Bulgarien umgerechnet etwa 1000 Mark) für jeden toten DDR-Bürger erhalten. Ekaterina Bontschewa, die der Untersuchungskommission für Stasi-Akten in Sofia angehört, kann das nicht bestätigen. Belegt seien bislang nur "20Tage Urlaub und eine Uhr mit Gravur" als Lohn für jeden gefassten Flüchtling.
Olaf und Barbara Hetze überlegen nun, ob sie bald nach Bulgarien fahren. Um ihre Akten einzusehen und herauszufinden, warum und wie ihre Flucht scheiterte. Aber vor allem, um dem Arzt zu danken, der Barbara rettete. "Er hat immer zu mir gesagt, Sie müssen leben. Nur wenn Sie es schaffen, überlebt auch ihr Freund."
Erst im eiskalten Nordschweden endete die Flucht der Familie al-Labwani aus Syrien. Via Internet unterstützt sie von hier aus den Widerstand in der Heimat. Eine Abenteuergeschichte. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 06.05.2008/dgr)
Präsidenten und ihre Partnerinnen
Lohnzettel auf Facebook
Parteispender 2010
Putin, der "Alpha-Rüde"
Politiker und ihre Pannen