Datenprojekt zu Flüchtlingsdrama Massensterben an Europas Grenzen

Die italienische Küstenwache hat dieses Bild am 27. März veröffentlicht: Fast 130 Flüchtlinge wurden aus dem Boot gerettet.

(Foto: AFP)

Die ganze grausame Geschichte: Mehr als 20 000 Flüchtlinge sind auf dem Weg nach Europa ums Leben gekommen. Doch kurz vor der Europawahl spielt das Thema in der Öffentlichkeit kaum eine Rolle. Das Projekt "The Migrants' Files" möchte das ändern.

Von Sebastian Gierke

Zahlen können unmenschlich sein. Werden Sachverhalte nur mit ihrer Hilfe beurteilt, dann bleibt der Blick auf das Thema oft kalt und stumpft schließlich ab. Man verliert sich in Details und vergisst die Menschen, die hinter den Zahlen stehen.

So wie bei der Berichterstattung über das Flüchtlingsdrama, das sich jeden Tag zwischen Afrika und Europa abspielt. Das Mittelmeer ist ein Massengrab. Tausende Menschen sind hier in den vergangenen 25 Jahren gestorben. Seit im Oktober 2013 360 Menschen vor der Küste der italienischen Insel Lampedusa ertranken, wird das Thema auch von der europäischen Öffentlichkeit wahrgenommen. Kurz vor der Europawahl im Mai spielt es im Wahlkampf allerdings nur noch eine untergeordnete Rolle.

Es sind meist nur die großen Unglücke, bei denen genau hingesehen wird. Mit kaltem Blick geht es dann - die Zahlen und nicht die menschlichen Schicksale im Kopf - vor allem um weitere Schutz- und Abschottungsmaßnahmen für die europäischen Grenzen.

Das Projekt "The Migrants' Files", das eine Arbeitsgruppe europäischer Journalisten unter anderem von der Neuen Züricher Zeitung, El Confidencial und Le Monde diplomatique erarbeitet hat, ist genau deshalb so wichtig. Die Journalisten haben einen detaillierten Datensatz zu Todesfällen und Vermisstenmeldungen zusammengestellt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, inklusive Graphiken, Texten und vielen Hinweisen auf die Primärquellen. Auch hier geht es um Zahlen, doch sie erzählen die ganze grausame Geschichte.

Im Mittelpunkt steht die Zahl 23 000. So viele Menschen sind den "The Migrants' Files" zufolge seit dem Jahr 2000 auf dem Weg nach Europa ums Leben gekommen oder als vermisst gemeldet worden, viel mehr als bisher angenommen. Es ist diese Zahl, die das ganze Ausmaß der Katastrophe zeigt und nicht nur ein Detail. Darüber hinaus widmeten sich die Journalisten aber auch den veränderten Migrationswegen, geben Einblick in die "Dynamik der Migration".

Die SZ war an dem Projekt nicht beteiligt, wir weisen aber an dieser Stelle darauf hin. Kurz vor der Europawahl hilft es, einem der drängesten Probleme der EU die nötige Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Linktipps:

- The Migrants' Files: Die Übersichtsseite des Projekts mit der Datenbank und interaktiven Karten.

- Making of "The Migrants' Files": Woher die Daten stammen und wie sie zusammengestellt wurden, erklärt die NZZ.

- Kein Platz im Boot: Ein Kommentar zum Unglück vor Lampedusa von SZ-Innenpolitik-Chef Heribert Prantl.

- The Global Flow of People: Unabhängig von den "Migrants' Files", gibt aber eine gute Übersicht über Flüchtlingsströme weltweit.