Von Christiane Kohl

In Thüringen sorgen sich Politiker aller Parteien um Ministerpräsident Althaus - sein Unfall könnte die Landtagswahl beeinflussen.

Fernsehzuschauer in Thüringen trauten ihren Augen nicht: Während sie am Donnerstagabend im Mitteldeutschen Rundfunk verfolgen konnten, wie ihr Ministerpräsident sich in seiner Neujahrsrede gegen den Extremismus aussprach, flimmerten in den privaten TV-Programmen bereits die ersten Meldungen über den schrecklichen Skiunfall von Dieter Althaus.

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Dieter Althaus (Archivbild): Es bleibt unklar, inwieweit sein Unfall die Landtagswahlen in Thüringen beeinflussen wird. (© Foto: AP)

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Gegen 18.45 Uhr hatte das MDR-Funkhaus planmäßig die vorab aufgenommene Konserve mit der Neujahrsrede auf Sendung geschickt. Tatsächlich lag der CDU-Politiker jedoch zu diesem Zeitpunkt bereits im künstlichen Koma, ein Rettungshubschrauber hatte ihn kurz zuvor von einer Skipiste in der Steiermark, wo der Unfall passiert war, ins Krankenhaus im österreichischen Schwarzach geflogen.

Dort stellten die Ärzte noch am Abend eine Gehirnblutung an der rechten Kopfhälfte des 50-Jährigen fest. Zur gleichen Zeit wurde bereits heftig telefoniert unter Thüringer Politikern: Die Vertreter der politischen Elite des Landes suchten den Kontakt zueinander.

Da rief der Spitzenkandidat der Linken und Herausforderer des Ministerpräsidenten, Bodo Ramelow, bei regierenden Christdemokraten an. "Jetzt heißt es toi, toi, toi für Dieter Althaus", so der Linkspolitiker, "ich hoffe und wünsche, dass er schnell wieder gesund wird." CDU-Politiker zeigten sich tief betroffen von dem Unfall ihres Spitzenmannes, auch Kanzlerin Angela Merkel, die ein besonders enges Verhältnis zu Althaus pflegt, schaltete sich ein.

SPD-Mitarbeiter mühten sich derweil, einen Kontakt zu ihrem Landesvorsitzenden Christoph Matschie aufzubauen, der im fernen Äthiopien bei der Familie seiner aus Afrika stammenden Frau Weihnachten gefeiert hatte. Matschie ließ es sich nicht nehmen, von Äthiopien aus direkt Katharina Althaus, die Frau des Ministerpräsidenten, anzurufen, die in Österreich bei ihrem Mann weilt, während die beiden Töchter des Politikers daheim im thüringischen Heiligenstadt geblieben waren. "Die Familie des Ministerpräsidenten soll wissen, dass wir alle ganz fest die Daumen für Dieter Althaus drücken", sagt Matschies Sprecherin Marion Wolf.

Thüringen ist ein kleines Land, die Politiker kennen sich persönlich; manche duzen sich, andere pflegen über Parteigrenzen hinweg freundschaftliche Beziehungen. Ein Hauptgesprächsthema in der politischen Klasse ist die am 30. August dieses Jahres anstehende Landtagswahl: Könnte der Unfall des Ministerpräsidenten womöglich Auswirkungen darauf haben?

Was etwa wäre, wenn Althaus länger wegen Krankheit ausfallen oder wenn er gar bleibende Schäden davontragen würde? Stoff für Spekulationen gab es genug. Doch die Diskussionen beruhigten sich, als am Freitagmittag von Seiten der Ärzte signalisiert wurde, dass Althaus' Gesundheitszustand bereits stabil genug war, um ihn wieder aus dem künstlichen Koma aufzuwecken.

Vorsorglich hat die Thüringer Finanzministerin Birgit Diezel (CDU), die zugleich stellvertretende Ministerpräsidenten ist, die Führung der Landesgeschäfte übernommen. "Wir sind alle tief betroffen", berichtet ein Regierungsmitglied in Erfurt, "aber das Kabinett ist handlungsfähig". Bereits am Freitag meldete sich Diezel in einer Pressekonferenz in Erfurt zu Wort. Die 50-jährige einstige Finanzbuchhalterin gilt als erfahrene Politikerin.

Kurz nach der Wende war sie in leitender Position mit Fragen der Reprivatisierung in Thüringen beschäftigt gewesen, seit 1999 arbeitet sie im Finanzministerium, zunächst als Staatssekretärin, seit November 2002 als Finanzministerin - sie leitete das Ressort damit schon bevor Althaus im Sommer 2003 als Nachfolger von Bernhard Vogel (CDU) zum Ministerpräsidenten gewählt worden war.

Der Thüringer Landeschef galt bislang als der agilste und sportlichste unter den Ministerpräsidenten in Ostdeutschland. Er fuhr Motorrad, man sah ihn auf dem Bob die Pisten hinuntersausen. Tauchen, Fußball Mountainbike - kaum eine Sportart, die der drahtige Dieter Althaus nicht beherrschte.

Das Ergebnis dieser Wahl aber ist derzeit kaum vorhersehbar

Unter seinen Parteifreunden ist der Politiker aus dem katholisch geprägten Eichsfeld, der vor der Wende Physiklehrer war, der unumstrittene Chef in der Landespartei. Erst im November des vergangenen Jahres wurde er mit 100 Prozent der Stimmen als Landesvorsitzender wiedergewählt, per Akklamation bestimmten ihn die Christdemokraten zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl.

Das Ergebnis dieser Wahl aber ist derzeit kaum vorhersehbar. Zwar regiert Althaus seit seiner Wiederwahl im Sommer 2004 mit einer absoluten CDU-Mehrheit. Während seine Partei damals jedoch noch 43 Prozent der Stimmen holte, liegen die Christdemokraten jüngeren Umfragen zufolge nur noch bei 31 bis 37 Prozent. Überdies steht die Linkspartei unter ihrem Spitzenkandidaten Ramelow nach den Erhebungen bereits über der 30 Prozent-Marke.

Zusammen mit den Sozialdemokraten könnten die Linken somit rein rechnerisch die Regierung stellen - eine absolute Mehrheit für die CDU erscheint da eher unwahrscheinlich. In solch einer Situation könnte die gesundheitliche Konstitution des Ministerpräsidenten womöglich eine entscheidende Rolle spielen. Und so mag erklärlich sein, dass in den Telefonaten unter Thüringer Politikern nicht nur über Medizinisches gesprochen wird.

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(SZ vom 03.01.2009/gba)