Das Höhlendrama Was Mitleid kostet

Die weltweite Anteilnahme am Schicksal der Jungen in Thailand ist ein wunderbares Zeichen der Menschlichkeit. Aber was ist mit den Ertrinkenden im Mittelmeer?

Von Matthias Drobinski

Man muss mit ihnen hoffen und bangen, mit den Jungen in der Höhle in Thailand. Man darf alle irdischen und überirdischen Kräfte um Beistand für die Retter bitten, soll sich freuen über jeden Geretteten, soll um den verunglückten Taucher trauern. Dass in den vergangenen Tagen so viele Menschen dies getan haben, ist ein wunderbares Zeichen. Wie immer die Rettung ausgehen mag: Sie ist, inmitten aller Angst und des Leids der Eingeschlossenen und ihrer Angehörigen, auch eine Geschichte über die Kraft der Menschlichkeit und des Mitleids, der Fähigkeit von Menschen also, die Not und das Leid anderer zumindest zeit- und teilweise zur eigenen Not und zum eigenen Leid zu machen.

Die Jungen in Thailand verdienen unsere Anteilnahme - und die Ertrinkenden im Mittelmeer?

Die äußeren Gründe, warum die Eingeschlossenen in der Höhle Menschen in aller Welt berühren, sind schnell gefunden. In der Erde gefangen, vom Ertrinken bedroht - das trifft menschliche Urängste. Die Sorge der Eltern fühlt mit, wer selber Kinder hat. Die Taucher, die ihr Leben für andere riskieren, stehen für Mut, Tapferkeit, Solidarität. Das verbindet Menschen, die sonst wenig verbinden mag - auch, weil die Medien solche Geschichten mit ihrer Dramatik und der Konzentration aufs einzelne Schicksal lieben. Die Welle der Anteilnahme führt aber tiefer, zu einer der zentralen Fähigkeiten des Menschen: Er kann seine Artgenossen als Menschheit denken, so verschieden sie auch sein mögen. Das ist eine der großen kulturellen und geistigen Errungenschaften des Homo sapiens: Menschen können mit fremden Menschen fühlen. Sie sind zur Empathie fähig, und sie können über die eigene Gruppe hinausdenken.

Doch warum fällt es so leicht, Mitleid mit den thailändischen Jungs zu haben und sich mit vollem Herzen über jeden Geretteten zu freuen - und warum gibt es diesen Verlust an Empathie mit den Bootsmenschen im Mittelmeer? Manche von ihnen sind im Alter der in der Höhle gefangenen Jungs, viele im Alter ihres Trainers. Auch sie haben Angst vorm Ertrinken, auch hier gibt es selbstlose Helfer. Vor drei, vier Jahren gab es auch noch ein Mitleid mit den Erschöpften auf den Seelenverkäufern, das dem Mitgefühl mit den eingeschlossenen Kindern in Thailand gleichkam. Zuwanderungsoptimisten und -pessimisten in Politik und Gesellschaft stritten lediglich darüber, welche politischen Konsequenzen dieses Mitleid haben müsse und was nun mit den Geretteten geschehen solle.

Doch es haben sich die Grenzen des Diskutierbaren verschoben. Jetzt steht das Mitleid infrage. Es wird, von Rechtspopulisten, aber auch bis in etablierte Medien hinein, als naiv und selbstzerstörerisch diffamiert; das Mitleidlose dagegen als das wahrhaft Menschliche hingestellt: Wenn ein paar ertrinken, wissen alle anderen, was Sache ist, und bleiben den Booten fern. Man stelle sich vor, es würde einer sagen: Gut, dass da welche in Thailand in der Höhle hocken - jetzt wissen alle, wie gefährlich solche Exkursionen in der Monsunzeit sind. Er müsste sich zu Recht als herzloser Zyniker beschimpfen lassen.

Warum das Mitleid mit den Flüchtlingen verdampft, ist genauso schnell erklärt wie die allgemeine Empathie für die thailändischen Fußballjungen. Die kostet nämlich die Anteilnehmenden nichts, sie bleibt folgenlos fürs eigene Leben. Jeder kann mitfiebern - das ist erleichternd in einer Zeit, in der die Gegensätze zwischen Menschen, Gruppen und Staaten so groß geworden sind, dass es nicht mehr so viel gibt, worauf man vereint hoffen und worum man gemeinsam bangen kann.

Das Mitleid mit den Flüchtlingen aber kostet was. Sie sind den Europäern nahegerückt mit ihrem Elend und ihrer Not. Und aus der Nähe betrachtet verlieren Elend und Not schnell ihre Unschuld. Mancher dieser Elenden will das schnelle Geld; der traumatisierte Verfolgte wird vielleicht sein Leben lang Unterstützung brauchen - und dann kommt am Ende gar ein Terrorist ins Land. Die dahintreibenden Menschen im Mittelmeer erinnern zudem die Europäer daran, dass die Globalisierung, von der sie so sehr profitieren, ihren Preis haben könnte. Die Umherirrenden in Syrien sind der leidende Beweis, dass die Welt- und Werteordnung, auf die der Westen so stolz ist, weder Weltfrieden noch Weltgerechtigkeit gebracht haben.

Das alles muss man diskutieren können. Doch dem Ertrinkenden das Mitleid zu entziehen ist ein gefährlicher Zivilisationsverlust - und er ist umso gefährlicher, je mehr er sich als Realismus tarnen möchte. Es hat genug Ideologien gegeben, die das Mitleid beschränken wollten auf die eigene Gruppe, die eigene Klasse, die eigene Nation. Sie alle endeten in der Unmenschlichkeit - und im Untergang. Mit jedem Menschen mitleiden zu können, auch mit dem, der seine Unschuld verloren zu haben scheint, ist keine Schwäche. Es ist eine wahre Stärke ziviler und demokratischer Gesellschaften.

Man darf, soll, muss sich mit jedem geretteten thailändischen Jungen freuen. Und kann dies als gute Übung für die größeren Aufgaben fürs Mitgefühl sehen.