Von Christian Wernicke

Vor mehr als 30 Jahren trafen sich Karl Rove und George W. Bush zum ersten Mal. Rove entdeckte in Bush "mehr Charisma, als es einem Menschen erlaubt sein sollte" und machte ihn zum Präsidenten. Nun zieht sich der engste Berater zurück - eine Ära geht zu Ende.

Alle haben ihre Meinung über Karl Rove. Auch der Nachbar, der Amerikas vermeintlich mächtigsten Strippenzieher seit Jahren übern Zaun beim Rasenmähen beobachten kann: "Freundlich, eher zurückhaltend, immer zu einem Scherz aufgelegt", sei der Mann von nebenan, "einfach ein Kerl wie du und ich."

Bild vergrößern

Abschied nach langen Jahren (© Foto: AP))

Anzeige

Einer, der im Unterhemd seine Blumenbeete hegt und selbst die Hecke schneidet, ehe er sich an lauen Sommerabenden - mal mit Ehefrau Darby, mal mit einem dicken Buch - auf die Terrasse setzt und früh ins Bett geht, um morgens fit zu sein fürs Büro.

Eben ein Biedermann Mitte fünfzig, mit Brille, längst schütterem Haar und Bauchansatz, so schlicht und unscheinbar, dass der Nachbar fürchtet: "Wenn ich Karl irgendwo am Flughafen oder Bahnhof in der Menge begegnen würde, ich würde ihn glatt übersehen."

Der private Karl

Das ist die entspannte, die private Seite des Karl Rove. Also eine, die niemanden in Washington interessiert. In Amerikas Hauptstadt ist schließlich alles Politik, und von einem, der sein Büro gleich neben dem Oval Office hat, zeichnen Freund wie Feind jeweils ihr eigenes Zerrbild.

Eingefleischte Republikaner verehren Rove, seit 14 Jahren engster Berater von George W. Bush, wie einen Halbgott - "er ist der Zen-Meister der Bewegung", sagt etwa Mary Matalin, ehemals Beraterin von Vizepräsident Dick Cheney.

Demokratisch gesonnene Gemüter betrachten den 56-jährigen Texaner derweil als Teufel, dessen politische Strategie das Land spalte und die Nation geradewegs in den Abgrund führe. Doch auch sie zollen ihm Respekt, indirekt zumindest: Weil Liberale den Präsidenten eher für einen Deppen halten, gilt Rove ihnen als "Bushs Hirn" (so der Titel einer Biographie aus dem Jahre 2003). Und wünschen ihn zur Hölle.

Dort wird er nicht hingehen. Vielmehr zieht es Rove nach Ingram in Texas, wo Darby und er ein schmuckes Häuschen besitzen. Nahebei, in San Antonio, studiert Sohn Andrew. "Ich muss das tun, zum Wohle der Familie", hat er dem Wall Street Journal gesagt, das am Montag die Sensation vermeldete: Rove, vermeintlicher Schöpfer des 43.US-Präsidenten, verlässt das Weiße Haus volle 17 Monate, bevor George W. Bush abtreten wird.

Und diesmal dürften rechte wie linke Kommentatoren einig sein in ihrem Urteil über den stellvertretenden Stabschef: Dieser Rückzug ist das vorgezogene Ende der Bush-Ära.

Karl Rove ist es längst müde, sich über sich selbst zu äußern: "Ich bin eben ein Mythos", sagte er vor zehn Monaten in einem Interview. Grinste, machte eine fahrige Handbewegung und wies still auf eines der vier Porträts von Abraham Lincoln in seinem fensterlosen Dienstzimmer. Lincoln, der legendäre US-Präsident während des Bürgerkriegs, ist ein Idol von Rove: Schließlich gilt Lincoln als Urvater der Republikanischen Partei.

In der hat Rove fast sein ganzes Leben verbracht. Als Neunjähriger begeisterte er sich für Richard Nixon, mit 17 übte er sich als Wahlhelfer der ,,Grand Old Party''. Rove stammt aus einfachen Verhältnissen, seine Mutter betrieb einen Souvenirladen, sein leiblicher Vater verließ die Familie, als Karl noch klein war.

Dass Louis Rove, der zweite Mann seiner Mutter, sein Adoptivvater war, hat Karl erst erfahren, als er bereits Politikwissenschaften studierte. Da war auch der Stiefvater schon weg, ausgezogen am ersten Weihnachtstag 1969, angeblich nach Offenbarung seiner homosexuellen Neigungen. Es war Karls 19. Geburtstag.

Begegnung am Bahnhof

Rove verschrieb sich ganz der republikanischen Familie. Mit List und Tücke ergatterte er den Vorsitz der parteieigenen Studentenvereinigung, der damalige Parteichef und spätere Präsident George Bush förderte das Talent nach Kräften. Im November 1973 klingelte bei Rove eines Abends das Telefon, und der Vorsitzende bat, sein Zögling möge bitte seinen ältesten Sohn vom Bahnhof abholen.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Der Schöpfer des Präsidenten mag nicht mehr
  2. Seite 2
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Pflicht zur Kür

Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...