Darlehen an Christian Wulff Ein Kredit mit "sehr vielen Unüblichkeiten"

Hätte jeder x-beliebige Hannoveraner einen solchen Kredit bekommen wie Christian Wulff? Branchenkenner schütteln erstaunt die Köpfe über die komfortablen Bedingungen, die die BW-Bank dem damaligen Ministerpräsidenten zugestand.

Von Andreas Jalsovec

Das Streitobjekt könnte schlichter nicht aussehen: ein einfaches Backsteinhaus mit Garten drumherum, Efeu an der Mauer, Briefkasten an der Türe vom Zaun. Das Einfamilienhaus der Familie Wulff in Großburgwedel bei Hannover ist so normal, und jeder hätte es kaufen können - wenn er von einer Bank einen Kredit bekommen hätte. Und der Kredit, den Christian Wulff erhalten hat, wirft viele Fragen auf.

Für 415.000 Euro, so steht es im Kaufvertrag, haben Wulff und seine Frau Bettina das Haus im Oktober 2008 erworben. Finanziert hat Wulff den Kauf mit einem Privatdarlehen in Höhe von 500.000 Euro, den er von der Unternehmersgattin Edith Geerkens bekommen hat. 2010 löste Wulff das Darlehen ab; das Geld dafür kam von der BW Bank, einer Tochter der Landesbank Baden-Württemberg. Die Bank gewährt ihm ebenfalls einen Kredit von 500.000 Euro - obwohl das Haus deutlich weniger kostete.

Ein solches Vorgehen, so heißt es unisono in der Branche der Baufinanzierer, sei "sehr unüblich". "Kein Otto-Normal-Häuslebauer hätte einen solchen Baukredit zu diesen Konditionen bekommen", meint Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Denn Baudarlehen werden meist nur bis zu einem bestimmten Prozentsatz des sogenannten Beleihungswertes vergeben. Der berechnet sich aus dem Kaufpreis des Hauses minus einem Risikoabschlag, den die Bank zur Sicherheit vornimmt. Als Kredit bekommen Immobilienkäufer dann oft nur 60 bis 80 Prozent dieses Wertes. Den Rest müssen sie selbst finanzieren.

Im Fall Wulff jedoch lag die Kreditsumme bei mehr als 120 Prozent des Hauspreises. "Solche Über-Finanzierungen macht heute keine Bank mehr", sagt ein Branchenkenner, der seinen Namen nicht nennen möchte. Das habe es nur vor der Finanzkrise gegeben, als vor allem ausländische Banken den Hauskäufern gleich noch die neue Küche oder das Bad mitfinanzierten. Deutschen Banken dagegen sind bei den meisten Kunden schon 100-Prozent-Finanzierungen zu riskant. Ausnahmen jedoch gibt es, wenn der Bauherr etwa das Haus modernisieren will.

Ob das bei Christian Wulff der Fall war, ist offen. Zu den genauen Bedingungen des Kredits äußert sich die BW Bank nicht. In einer Stellungnahme rechtfertigt sie dessen Höhe: Die "Werthaltigkeit" des Darlehens, heißt es darin, "ergibt sich aus dem uns vorliegenden Wertgutachten". Dass die Stuttgarter Regionalbank eine Immobilie im etwa 600 Kilometer entfernten Burgwedel finanzierte, sei nichts Besonderes: Man betreue "gehobene Privatkunden" im gesamten Bundesgebiet. "Zudem", so heißt es weiter, habe Egon Geerkens "dem Ehepaar Wulff empfohlen, wegen der Ablösung seines Kredits Kontakt mit der BW-Bank aufzunehmen". Und das, obwohl gerade die Landesbanken meist Bauprojekte vor Ort bevorzugen - auch, weil sie den Markt und die Preise in ihrer Region besser kennen.

Überdies lag der Zins, den Wulff von der BW Bank bekommen hat, nach seiner eigenen Aussage noch unter jenen vier Prozent, die ihm das Ehepaar Geerkens gewährte. Der übliche Marktzins damals betrug gut fünf Prozent. "Alles in allem", sagt ein Markbeobachter, "sind das für einen Immobilienkredit schon sehr viele Unüblichkeiten."