Der Dalai Lama lehnt einen Boykott der Olympischen Spiele als Druckmittel gegen Peking ab - denn die weltweite Aufmerksamkeit ist der beste Katalysator für einen Wandel.

In einem Interview hat sich der Dalai Lama erneut gegen die Forderung nach einem Boykott der Olympischen Spiele in Peking gewandt. "Ein Boykott scheint mir zu radikal und der Bedeutung Chinas nicht angemessen", sagte er der Südwestpresse aus Ulm.

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Der Dalai Lama - Seine Ablehnung eines Olympia-Boykotts sorgt für Unmut in den eigenen Reihen. (© Foto: AFP)

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"China ist die bevölkerungsreichste Nation der Welt und zudem eine alte Zivilisation mit einer bedeutenden Geschichte und Kultur. Deshalb bin ich grundsätzlich der Meinung, dass China es verdient hat, das größte Sportereignis der Welt auszurichten." Das geistliche Oberhaupt der Tibeter ist wegen dieser Einstellung in den eigenen Reihen in die Kritik geraten. So verlangen exil-tibetische Jugendorganisationen einen Boykott der Spiele.

Der Dalai Lama begründete in dem Gespräch jedoch seine Haltung. Diese beruhe nicht darauf, dass er wie viele Sportfunktionäre für eine strikte Trennung von Sport und Politik plädiere. "So einfach ist es nicht, denn alles ist miteinander verbunden," erklärte der Dalai Lama.

Mit der Vergabe der Olympischen Spiele an Peking seien vielmehr Verpflichtungen der chinesischen Führung auf universelle Werte wie politische Freiheit, Demokratie und Menschenrechte verbunden gewesen. "Die Entscheidung für Peking war mit der Hoffnung verbunden, dass die internationale Aufmerksamkeit dazu beiträgt, diese Werte in China zu stärken." Er teile diese Hoffnung immer noch und unterstütze alles, was in diese Richtung ziele.

"Für China steht viel auf dem Spiel"

Die bislang fehlende internationale Reputation Chinas in der Weltgemeinschaft sieht der Dalai Lama als Anreiz für die chinesische Seite, ernsthafte Verhandlungen mit der tibetischen Bevölkerung zu führen. "Für China steht viel auf dem Spiel, gerade im Vorfeld der Olympischen Spiele," sagte er der Zeitung. "Die chinesische Führung weiß, dass die Lösung der Tibetfrage eine einzigartige Gelegenheit für sie ist, um sich ein gutes Image in der Welt zu verschaffen. Bis jetzt ist die Politik gegenüber Tibet eine Quelle ständige Kritik für Peking, und das liegt nicht im Interesse der Machthaber."

Bei Ausschreitungen in Tibet kamen nach offiziellen chinesischen Angaben 13 Menschen ums Leben. Die tibetische Exil-Regierung spricht von 99 Toten. Der Dalai Lama bestreitet die chinesischen Vorwürfe, Drahtzieher der Unruhen zu sein und hat beide Seiten zur Gewaltlosigkeit aufgerufen.

"Diese Vorwürfe entbehren jeder Grundlage und ich bin jederzeit bereit, jeder Form der Untersuchung durch international anerkannte Persönlichkeiten hier bei mir in Dharamsala zu akzeptieren, einschließlich Repräsentanten der Volksrepublik China. Niemand wird Hinweise oder gar Beweise finden, dass ich etwas mit den Protesten zu tun hätte."

Dalai Lama lehnt radikale Aktionen ab

Für den Fall einer Eskalation der Auseinandersetzungen hat er seinen Rücktritt als Chef der tibetischen Exilregierung angekündigt. "Wenn die Lage in Tibet vollkommen außer Kontrolle gerät, denn werde ich mich zurückziehen."

Der Dalai Lama zeigte sich überzeugt, dass nur mit gewaltfreien Methoden und einem Dialog zwischen allen Beteiligten eine langfristig tragfähige Lösung erreicht werden könne. "Ich halte an meiner Politik des mittleren Weges fest, das heißt, ich akzeptiere die chinesische Herrschaft über Tibet, wenn unser Land tatsächliche Autonomie erhält."

Von Forderungen nach radikaleren Aktionen von tibetischer Seite distanzierte sich der Dalai Lama. "Die Wirkung solcher Aktionen auf die Chinesen wäre verheerend," sagte er der Südwestpresse. "Wenn der Wandlungsprozess in China Perspektiven für Tibet eröffnen soll, müssen wir die Menschen dort erreichen. Das liegt im Interesse beider Völker. Es kann nur eine friedliche und vertrauensvolle Koexistenz geben, und die ist durch Gewalt nicht möglich."

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(sueddeutsche.de/Reuters/jkr/mati)