Dalai Lama "Wiedergeburt geht China nichts an"

Nachdem die Regierung verfügt hat, allein über die echte Reinkarnation des Dalai Lama zu entscheiden, schlägt dieser nun zurück. Er kündigt ein Referendum über seine Nachfolge an - der Kampf um die Kontrolle des künftigen Oberhaupts ist voll entbrannt.

Von Henrik Bork

Der Dalai Lama will nicht Peking entscheiden lassen, wo er wiedergeboren wird. Diese Sorge steckt hinter der Ankündigung des tibetischen Religionsführers, vor seinem Tod möglicherweise ein Referendum über seine Nachfolge einzuberufen.

"Viele Buddhisten waren empört über Pekings Verfügung, dass Reinkarnationen künftig von der Kommunistischen Partei genehmigt werden müssen", sagt Chhime Rigzing, Privatsekretär des Dalai Lama. Tibetische Buddhisten glauben daran, dass bereits erleuchtete Religionsgestalten bewusst und freiwillig auf die Erde zurückkehren können, um den Menschen bei ihrer leidensvollen Suche nach Erlösung im Nirwana zu helfen.

So wird oft einige Jahre nach dem Tod eines hochrangigen Lamas in Kindern nach dessen Reinkarnation gesucht. Der derzeitige Dalai Lama gilt als die vierzehnte Wiedergeburt des Bodhisattva Avalokiteshvara. "Das geht aber die Chinesen absolut nichts an", sagt Chhime Rigzing.

Mit der Idee eines Referendums, die vom Dalai Lama diese Woche erstmals öffentlich gemacht wurde, ist der Kampf um die Kontrolle über den künftigen Dalai Lama voll entbrannt. Im August dieses Jahres hatte die kommunistische Führung in Peking per Erlass verfügt, dass sie allein entscheiden will, wer eine echte Reinkarnation ist.

Peking möchte die künftige Wiedergeburt wenigstens alleine bestimmen. "Die Chinesen wissen, dass sie niemals das tibetische Volk völlig kontrollieren, solange sie dessen religiösen Führer nicht kontrollieren", sagt der Tibetexperte Claude Arpi.

Der Dalai Lama betont seit einiger Zeit auch, dass seine Wiedergeburt sehr wahrscheinlich nicht im von China kontrollierten Tibet entdeckt werden wird. "Wenn ich sterbe, solange wir noch Flüchtlinge sind, wird meine Reinkarnation logischerweise außerhalb Tibets kommen, um die Arbeit fortzuführen, die ich begonnen habe", sagte der Dalai Lama im indischen Amritsar.

In früheren Jahren, bevor sich der Ton zwischen Peking und der tibetischen Exilregierung in Dharamsala deutlich verschärfte, hatte das geistliche Oberhaupt Fragen nach dem wahrscheinlichen Ort seiner Wiedergeburt stets ausweichend beantwortet.

Wie politisch sensibel diese Frage in China ist, zeigt der Umgang der kommunistischen Führung mit dem elften Panchen Lama, dem zweithöchsten Religionsführer der Tibeter.

Nachdem der Dalai Lama 1995 die Reinkarnation des Panchen Lama in dem tibetischen Jungen Gyaltsen Norbu verkündet hatte, wurde der Junge sofort von Pekinger Sicherheitskräften gekidnappt. Als jüngster politischer Gefangener in der Volksrepublik wird der heute 16-jährige Junge an einem unbekannten Ort gefangen gehalten. Peking setzte dann in einer Scheinzeremonie einen falschen Panchen Lama ein.