Dalai Lama: Rückzug als politischer Anführer Ein sterblicher Gott

Der Dalai Lama sucht einen Nachfolger als politischer Anführer der Tibeter - für Peking sollte dies eine schlechte Nachricht sein.

Ein Kommentar von Henrik Bork

Kann ein Gott in den Ruhestand gehen? Wer den Dalai Lama jemals persönlich erlebt hat, der weiß, dass er, sollte ihm diese Frage gestellt werden, bestimmt vergnügt kichern würde. "Warum nicht?", würde er vermutlich zurückfragen. Das geistige und bis jetzt auch politische Oberhaupt der Tibeter hat viel Humor. Das ist ein Grund dafür, warum er weltweit ein gern gesehener Gast geblieben ist - vor gut einem Jahr etwa wieder im Weißen Haus, bei Barack Obama.

Nun hat der Dalai Lama angekündigt, als politisches Oberhaupt der Tibeter zurücktreten zu wollen. Die Hintergründe für diese Äußerung sind allerdings überhaupt nicht heiter. Es geht um seine eigene Nachfolgeregelung, denn der 76-jährige Mönch musste in den vergangenen Jahren schon mehrmals in Krankenhäusern behandelt werden. Zudem erlebt Tibet die schwerste chinesische Repression seit vielen Jahren. Tag für Tag verschwinden Tibeter in chinesischen Gefängnissen. Der Dalai Lama hat mit seinem Wunsch nach einer teilweisen Pensionierung nun selbst an seine Sterblichkeit erinnert.

Das weckt unter anderem Ängste vor einer erneuten Eskalation in Tibet, denn der Friedensnobelpreisträger steht wie kein anderer für eine gewaltfreie Lösung der Tibet-Frage. Der Rückzug von der politischen Verantwortung, der in der kommenden Woche vom tibetischen Exilparlament debattiert werden soll, ist aber auch ein Schachzug im Tauziehen um die nächste Reinkarnation des Dalai Lama. Die kommunistischen Führer Chinas haben die politische Bedeutung dieser religiösen Tradition längst erkannt. So hatte Peking die vom Dalai Lama verkündete Wiedergeburt des Pantschen Lama, des zweitwichtigsten Würdenträgers, im Jahr 1995 zurückgewiesen. Den Jungen, der damals sechs Jahre alt war, ließ man verschwinden. Er ist der jüngste politische Gefangene der Welt.

Die Kommunistische Partei Chinas vergaß damals den Atheismus eines Marx oder Mao und erklärte, ab sofort selbst für Reinkarnationen zuständig zu sein. Sie "fand" ihren eigenen Wiedergeborenen. Seither gibt es zwei Pantschen Lama, doch der von Peking gekrönte wird von den Tibetern verachtet. Die Menschen in Tibet müssen gezwungen oder bestochen werden, bevor sie sich bei einem seiner Ausflüge an den Straßenrand stellen. Und der Pantschen ist nicht der einzige "doppelte" Lama. Aufgrund ähnlicher Winkelzüge gibt es zur Zeit auch zwei Karmapa Lamas.

Der Dalai Lama hat gesagt, seine echte Reinkarnation werde, wenn überhaupt, in der "freien Welt" gefunden werden. Der jetzige, vierzehnte Dalai mag hoffen, dass die Abkoppelung der politischen von der religiösen Rolle seinen Nachfolger im Exil stärken wird. So wurde er selbst von Barack Obama nur im Kartenraum des Weißen Hauses empfangen, weil immer noch jede Regierung der Welt peinlich darauf zu achten hat, den Dalai Lama aus Rücksicht auf Chinas wirtschaftliche Macht nur als religiöses und nicht als politisches Oberhaupt der Tibeter zu betrachten. Ein rein religiöser Führer könnte gar ein besserer Botschafter der tibetischen Sache im Ausland sein.

Die chinesische Regierung hat jetzt nicht gezögert, an ihre Verachtung für den Dalai Lama zu erinnern. Er "spiele Tricks", um die internationale Gemeinschaft zu täuschen, kommentierte eine Sprecherin. Die kalten, unfreundlichen Worte spiegeln die Überzeugung Pekings wieder, nach dem Einsatz massiver militärischer Gewalt in der Folge der TibeterProteste vom März 2008 in Lhasa erneut fest im Sattel zu sitzen. Doch es gibt auch Beobachter, die davor warnen, dass Peking seinen Hochmut bald bereuen könnte. Der Dalai Lama wird immer häufiger von jungen, hitzköpfigen Tibetern für seinen Weg der Gewaltlosigkeit kritisiert. Möglicherweise verpasst Peking gerade die historische Chance, eine vom enormen Ansehen des jetzigen Dalai Lama getragene, dauerhafte Lösung der Tibet-Frage zu finden.