CSU: Autor Schlötterer Abrechnung mit Franz Josef Strauß

Ein pensionierter Finanzbeamter seziert in einem neuen Buch das System Franz Josef Strauß. Die CSU scheut die Debatte mit dem Autor.

Von Wolfgang Luef

Die CSU ist an diesem Abend unsichtbar. Vielleicht sitzt ja der eine oder andere stille Zuhörer im Publikum - womöglich mit einem Tonbandgerät oder zumindest einem Notizblock. Doch das Podium bleibt an diesem Abend CSU-frei. Für eine kritische Diskussion über den Übervater Franz Josef Strauß wollte sich keiner aus der Partei zur Verfügung stellen.

Auch die angefragten FDP-Politiker haben abgesagt, berichtet Jürgen Horbach, Geschäftsführer des Fackelträger-Verlags. Und sogar einige "kritische Geister aus dem Kulturleben", die der Verlagschef eingeladen hatte, lehnten ab. Strippenzieher Strauß - wer will sich bei diesem Amigo-Thema schon öffentlich die Finger verbrennen?

Der 70-jährige Wilhelm Schlötterer ist an diesem Abend ins Münchner Literaturhaus gekommen, um sein Buch vorzustellen: "Macht und Missbrauch - Franz Josef Strauß und seine Nachfolger". Er beschreibt darin, was er als etabliertes System der bayerischen Politik und Verwaltung zu erkennen glaubt: Kungelei, Korruption, Begünstigung von Freunden, gezieltes Mobbing von Gegnern.

"Unwürdiger Strauß-Mythos"

Schlötterer muss wissen, wovon er spricht und schreibt. 30 Jahre lang war er Beamter im bayerischen Finanzministerium. Während dieser Zeit hat er mit internen Beschwerden, Briefen und Petitionen an den Landtag immer wieder Wellen geschlagen. Zuletzt gab es Straf- und Disziplinarverfahren gegen ihn. Alle wurden eingestellt. Seit fünf Jahren ist der einstige Ministerialbeamte nun pensioniert. Und er hatte das Bedürfnis, das alles einmal aufzuschreiben - gerade wegen des "unwürdigen Mythos" um den Politiker.

Diesen Mythos hat Horst Seehofer wieder aufleben lassen. Als Sozialministerin Christine Haderthauer es tatsächlich wagte, Strauß in einem Interview als politisches Vorbild abzulehnen, flog sie beinahe aus dem Kabinett: Sie musste sich öffentlich entschuldigen. Und sogar der Fackelträger-Verlag war bei der Bewerbung des neuen Buches zuerst vorsichtig: Es gab bis eine Woche vor der Präsentation nicht einmal eine Ankündigung. Man habe zu großen Wirbel oder mögliche Klagedrohungen vermeiden wollen, sagt Verlagschef Horbach.

Die meisten der Affären, die Schlötterer in seinem Buch und während der Diskussion beschreibt, sind bestens bekannt: Die Steuererleichterungen für Franz Beckenbauer; die rechtzeitige Warnung des Strauß-Freundes und "Bäderkönigs" Eduard Zwick, damit dieser vor einem Haftbefehl in die Schweiz flüchten konnte; die ungeklärten privaten Finanzen des legendären Ministerpräsidenten.

Das System Strauß existiert bis heute

Der Autor beschränkt sich jedoch nicht auf Strauß: Bei Nachfolgern und Weggefährten wie Max Streibl, Edmund Stoiber und Erwin Huber ortet er eine Weiterführung des Strauß-Systems. Er prangert die Steueraffäre um den "Wienerwald"-Besitzer Friedrich Jahn an, die Amigo-Affäre, die vom Justizministerium mit Hilfe der Staatsanwaltschaft betriebene Demontage des Bundestagsabgeordneten Erich Riedl, die massiven Ermittlungsbehinderungen im Steuerstrafverfahren gegen den Strauß-Sohn Max Josef.

Mit regelrechter Akribie beschreibt er interne Vorgänge, die er aus erster Reihe beobachtet hat - bisweilen lakonisch berichtet er vom gezielten Mobbing gegen ihn, von den Versuchen, ihn zwischen den Zahnrädern einer bürokratischen Maschine zu "zerreiben". So drückt es Michael Stiller aus, Moderator des Abends und ehemaliger leitender Redakteur der Süddeutschen Zeitung.

Zu Beginn erzählt Schlötterer, dass ein "absoluter CSU-Spitzenpolitiker", dem er das Manuskript vor dem Druck vorgelegt hat, ihn ermutigte: "Dieses Buch ist notwendig und wichtig". Das mache ihn stolz. "Seehofer würde in Ohnmacht fallen, wenn er wüsste, wer das war", fügt er lächelnd hinzu.

Auf Seite 2: Warum die CSU bei der Diskussion fehlte.