Comiczeichner im Flüchtlingslager Wenn das Leben am Zaun endet

Comiczeichner Reinhard Kleist erzählt die Geschichte von Farhad, der seine Heimat in Syrien verlassen musste.

(Foto: Reinhard Kleist)

Ein Comic über den syrischen Bürgerkrieg und das Leben auf der Flucht? Der Zeichner Reinhard Kleist erklärt, wie er mit seinen Bildern die "gefühlte Wahrheit" der Menschen im irakischen Flüchtlingslager Kawergosk einfängt.

Von Daniel Wüllner

Reinhard Kleist ist als Comiczeichner durch seine Johnny-Cash-Biografie Cash: I see a darkness bekannt geworden. Für ein Projekt des Fernsehsenders Arte hat er das Flüchtlingslager Kawergosk im Nordirak besucht.

Süddeutsche.de: Sie haben im Dezember 2013 eine Woche in einem Flüchtlingslager im Irak verbracht und dort gezeichnet. Eignen sich Comics, wenn man so etwas Dramatisches wie das Leben in einem Lager einfangen möchte?

Reinhard Kleist: Ja, denn ein Comic ermöglicht einen sehr direkten Zugang zu einem Thema. Durch die Zeichnungen erlebt der Betrachter, wie ich eine Situation wahrgenommen habe. Es ist eine "gefühlte Wahrheit". Dasselbe gilt für die Bilder, die die Kinder in Kawergosk gemalt haben. Sie drücken aus, was ihnen gefällt oder was sie hassen und vermitteln so einen guten Eindruck des harten Lebens im Lager.

Sie wollten für die Kinder im Flüchtlingslager Zeichen-Workshops geben.

Wir haben viele Buntstifte mitgenommen und zwei Gruppen von 20 bis 30 Kindern eingeladen. Doch nachdem alle Malutensilien verteilt waren, wurde schnell klar, dass es keinen Zeichenkurs geben würde. Die Kinder wollten einfach nur malen. Deshalb habe ich ihnen zwei Aufträge gegeben: Malt ein Bild aus euer Heimat und zeichnet auf, was euch zum Leben in Kawergosk einfällt.

Um sie von den Bildern des Kriegs abzulenken?

Ich habe mich bewusst gegen den Bürgerkrieg als Thema entschieden. Zwei Jungen haben dennoch ein Bild dazu gemalt: Darauf ist ein einfach gezeichnetes Männchen zu sehen. Es trägt ein Gewehr und gleichzeitig weint es. Welches Bild könnte symbolhafter für den Bürgerkrieg stehen?

Kawergosk

Wie sieht das Leben in Kawergosk aus?

Wie in den meisten Flüchtlingslagern findet das Leben der 13 000 Bewohner in und zwischen Zelten statt. Bis zu zehn Menschen teilen sich eine beengte Behausung. Das Lager ist 419 000 Quadratmeter groß, die Möglichkeiten der Menschen sind begrenzt. Langeweile ist ein ernsthaftes Problem, sowohl bei den Erwachsenen wie auch bei den Tausenden Kindern. Ein 15-jähriges Mädchen hat mir erzählt, dass es einfach nur mal wieder einkaufen gehen will. Eine kleine Sorge, aber sie zeigt die Realität der Flüchtlinge: Seit eineinhalb Jahren endet ihr Leben an dem Zaun, der das Lager umschließt.

Wie haben Sie Kontakt zu den Menschen bekommen?

Ich habe gemeinsam mit meinem Übersetzer Hassan Familien in ihren Zelten besucht. Zunächst waren sie sehr verwundert, dass jemand zu ihnen kommt, um sie zu zeichnen. Wir sind dann aber schnell ins Gespräch gekommen. Während ich Skizzen von ihnen anfertigte, haben Sie mir von ihren Erlebnissen erzählt. Für mich war das die direkteste Möglichkeit, Teile ihres Lebens nachzuzeichnen.

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