Coltan-Embargo "Kein Blut auf meinem Handy"

In Zeiten steigender Aktienkurse am Neuen Markt, angesichts immer besserer Telefone und Spielkonsolen hat zu Beginn des dritten Jahrtausends niemand wissen wollen, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Krieg in Zentralafrika und dem Technikboom in der westlichen Welt gibt.

Von Michael Bitala

(SZ vom 17.6. 2003) - Es sind in den vergangenen Jahren sicherlich Hunderte von Zeitungs- und Zeitschriftenartikel erschienen, die den Zusammenhang zwischen dem Handy-Boom in Europa, Asien und Amerika und dem Krieg in Kongo dargestellt haben.

Es hat nicht viel genützt.

Selbst die Kampagne belgischer Menschenrechtsgruppen mit dem Slogan "Kein Blut auf meinem Handy" zeigte keine Wirkung.

Auch heute noch wissen die wenigsten Menschen in den Industrienationen, dass es ihr kleineres, leichteres und leistungsfähigeres Mobiltelefon nur gibt, weil kongolesisches Coltan dafür verwendet wird - und mit der Ausbeutung dessen finanzieren Besatzungsländer wie Ruanda und Uganda ihren Plünderungsfeldzug.

Verheerendes Gemetzel

Es gibt inzwischen auch mehrere Studien zur Coltan-Ausbeutung in Kongo und in fast allen wird empfohlen, dass es ein Embargo für kongolesisches Coltan geben sollte.

Kongo-Besatzer wie Uganda und Ruanda sollten diesen schwarzen Sand nicht mehr verkaufen dürfen, weil sie damit den Kongokrieg finanzieren. Auch eine Untersuchungskommission der Vereinten Nationen zieht diesen Schluss, nur dass sie noch weiter geht.

Es sollten ihrer Empfehlung nach auch keine Diamanten und Edelhölzer mehr aus Kongo, Ruanda und Uganda exportiert werden dürfen, da auch deren Erlöse den Krieg anheizen - einen Krieg, dem inzwischen mehr als drei Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind und der als das verheerendste Gemetzel der Gegenwart gilt.

Warum es bis heute kein Handelsverbot für kongolesische Bodenschätze gibt, hat mehrere Gründe. Der wichtigste ist wohl, dass die Kongoplünderer Ruanda und Uganda auch heute noch in Amerika und in Europa geschont werden, eine Mehrheit für Sanktionen im Sicherheitsrat würde es nicht geben.

Ruanda, das gerade mal so groß ist wie Rheinland-Pfalz, wird nicht kritisiert, weil beim dortigen Völkermord 1994 die Welt weggesehen hat.

So traut sich immer noch fast niemand, Vorwürfe gegen Ruanda zu erheben, weil es in Kongo Kriegsverbrechen begeht und das Land systematisch ausschlachtet. Uganda wird ebenfalls verschont, weil Präsident Yoweri Museveni als Vorbild gilt, was die Aids-Bekämpfung angeht.

Außerdem hat er das Land, das einst von Diktatoren wie Idi Amin und Milton Obote in Bürgerkriege geschickt wurde, befriedet. Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton bezeichnete die Staatschefs von Uganda und Ruanda als die "neuen Führer Afrikas".

Arbeiten statt plündern

Es gibt aber auch Menschenrechtsgruppen, die sich gegen ein Handelsverbot kongolesischer Bodenschätze aussprechen.

Das Pole-Institut in Goma zum Beispiel meint, dass mit der ColtanFörderung Kongolesen gut bezahlte Arbeit finden könnten, außerdem würden auch viele Rebellen, die zuvor Dörfer überfallen und geplündert haben, heute lieber Coltan abbauen als ihrem mörderischen Gewerbe nachgehen. Ostkongo könnte durch den Coltan-Abbau stabilisiert werden.

Vorbild USA

Den wohl entschiedensten Schritt gegen die Coltan-Ausbeutung Afrikas haben bislang die Vereinigten Staaten gemacht, das Land also, dem gemeinhin vorgeworfen wird, sich nur für seine eigenen Wirtschaftsvorteile und die natürlichen Ressourcen anderer Nationen zu interessieren.

Das US-Repräsentantenhaus verabschiedete im September 2001 eine Resolution, die die Coltan-Käufe aus Kongo, Uganda und Ruanda suspendierte.