Interview: Thorsten Denkler

Der Grüne Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit hat von der Festnahme Karadžićs in Sarajewo erfahren. Ihm sind jubelnde Menschen begegnet. Aber auch solche, die mit alten Gefühlen zu kämpfen haben.

sueddeutsche.de: Herr Cohn-Bendit, Sie sind privat in Sarajewo und haben dort die Nachricht von der Festnahme Karadžićs erfahren. Sarajewo ist die Stadt, die Karadzic ab 1992 über 40 Monate belagern ließ. Mehr als 10.000 Menschen sind damals umgekommen. Wie wurde dort die Nachricht aufgenommen?

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Daniel Cohn-Bendit sieht in einer europäischen Perspektive für Bosnien die einzige Lösung für den Konflikt. (© Foto: afp)

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Daniel Cohn-Bendit: Es war eine sehr spannende Nacht. Viele haben es einfach erst nicht geglaubt. Wir waren mit Freunden unterwegs. Und als meine Frau und ich auf die Neuigkeit schon anstießen, haben die noch gezweifelt, ob das wahr sein könne. Die Festnahme ist auch für mich persönlich eine große Genugtuung. Ich finde, das haben die Menschen in Bosnien einfach verdient.

sueddeutsche.de: Warum diese Zurückhaltung bei Ihren bosnischen Freunden?

Cohn-Bendit: Vielleicht, weil sie so lange auf diesen Moment gewartet haben. Sie haben sich dann schon noch gefreut. Aber gleichzeitig kam eine Art Schmerz hoch, so, als ob das ganze Leid, der ganze Horror durch die Festnahme wieder nach oben gespült wurde.

sueddeutsche.de: Welches Bild hat sich Ihnen auf den Straßen Sarajewos gezeigt?

Cohn-Bendit: In der Stadt gab es gleich Hupkonzerte, wie nach einem großen Fußballspiel.

sueddeutsche.de: Was empfinden die Menschen jetzt?

Cohn-Bendit: Die Freude wird doch ein wenig getrübt davon, dass es ja 13 Jahre gedauert hat, bis er endlich festgenommen werden konnte. Aber die Menschen empfinden schon so etwas wie Gerechtigkeit, die Ihnen jetzt widerfährt. Gleichzeitig hoffen sie, dass jetzt auch der zweite große Kriegsverbrecher Ratko Mladić verhaftet wird.

sueddeutsche.de: Welche Rolle hat der Druck der Europäischen Union bei der Festnahme gespielt?

Cohn-Bendit: Die neue Regierung in Belgrad will ganz offensichtlich den Weg der Überwindung der schwarzen Jahre konsequent gehen. Sie wusste, dass die Verhaftung von Karadžić und hoffentlich bald auch Mladić dafür ein wichtiges Symbol auch gegenüber der EU ist. Die Öffnung hin zu Europa spielt eine wichtige Rolle in Belgrad.

sueddeutsche.de: Die Vertreibungen durch Karadžić wurden bis heute nicht rückgängig gemacht. Gibt es dafür eine Lösung?

Cohn-Bendit: Wenn ich die hätte, könnten Sie mich für den Friedensnobelpreis vorschlagen. Das ist sehr schwierig. Der Vertrag von Dayton hat die Teilung des Landes festgeschrieben. Hier in Sarajewo haben viele das Gefühl, dass ihnen ein Teil ihres Landes weggenommen worden ist. Karadzic hat real gewonnen. Dieses Gefühl bleibt.

sueddeutsche.de: Was kann die EU tun?

Cohn-Bendit: Sie muss dieser Region eine europäische Perspektive anbieten. Sie muss dabei klarmachen, dass es diese Perspektive nur geben kann, wenn die Region gemeinsam handelt. Die europäische Perspektive ist der Ansatz, um diesen Konflikt zu überwinden. Was Hoffnung macht, ist, dass alle diese Perspektive wollen.

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(sueddeutsche.de/lala)