Würde Wolfgang Clement aus der SPD ausgeschlossen, könnte er sagen, was er wollte. Aber die Eskapaden wären dann keine mehr und seine Ansichten nur noch halb so interessant.
Es war einmal ein kluger, aber selbstverliebter ehemaliger Bundeswirtschaftsminister der SPD, dem die Politik seiner Partei gar nicht mehr passte; er fand dort sich, seine Verdienste und seinen Sachverstand nicht mehr ausreichend gewürdigt. 26 Jahre lang war er Sozialdemokrat gewesen, "Superminister" gar war er respektvoll genannt worden.
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Wolfgang Clement gehört zu den Machern. (© Foto: AP)
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Noch heute gilt er als der beste Wirtschaftsminister, den die Bundesrepublik nach Ludwig Erhard hatte. Der Mann hieß, auch wenn die narzisstischen Eigenschaften an diesen gemahnen, nicht Clement, sondern Karl Schiller und war zuletzt Minister im Kabinett von Willy Brandt gewesen: Er trat, bevor er dann für die CDU zu werben begann, aus der SPD aus. Ein paar Jahre später klopfte er wieder an - und Brandt nahm ihn wieder in die Partei auf, als einen schon gealterten verlorenen Sohn. Es wäre Erleichterung und Entlastung für die SPD, wenn auch Wolfgang Clement es so halten würde.
Viele Freiheiten
Als Nichtmehrmitglied hätte er alle Freiheiten, über die SPD, ihre Politik und Führung alle erdenklichen Bösartigkeiten zu sagen; er könnte sich offiziell zum Wahlhelfer der Union oder von sonst wem machen. Aber die Eskapaden Clements wären dann keine mehr und seine Ansichten nur noch halb so interessant, die Schlagzeilen würden kleiner und spärlicher; sie wären als Nahrung für ein hungriges Ego ungenügend.
Ein alternder politischer Narziss nährt sich von der Illoyalität; er genießt den Bruch der Solidarität als vermeintlichen Ausdruck seiner Unabhängigkeit. Das funktioniert deswegen, weil Medien so funktionieren, wie sie funktionieren. Der Fall Clement, der ein Fall Clements im Wortsinn ist, ist halt ein gefundenes Fressen in nachrichtenarmer Zeit.
Man kann einem älteren Herrn Respekt zollen, wenn er kämpft weil er sich als Symbol einer bestimmten politischen Ausrichtung seiner Partei sieht, der er zu Gewicht verhelfen will - und er deshalb auf Teufel komm raus in der Partei bleiben will. Aber Clements Selbst-Apotheose diskreditiert die Agenda, die er verteidigen möchte; und sie macht eine atomfreundliche Politik für die meisten Genossen noch suspekter, als sie es ihnen schon ist.
Das Gericht muss unabhängig sein
Die Agenda-Politik Clements und seine jetzige Tätigkeit als Atomlobbyist sind Begleitmusik des gegen ihn laufenden Parteiordnungsverfahrens; Clement-Gegner spielen diese Musik gerne. Der einzige juristisch relevante Kern des Verfahrens ist aber der Aufruf Clements vor der hessischen Landtagswahl, nicht SPD zu wählen. Das ist der Punkt, um den allein es beim Schiedsgericht gehen darf. Dieses Gericht muss so unabhängig sein, alle Konnotationen auszublenden, es muss eine Art Verfassungsgericht der SPD sein.
Bei einem verdienten Mann wie Clement sollte das SPD-Schiedsgericht den Aufruf zur Nichtwahl der Partei als einmalige Entgleisung bewerten, mit einem Rüffel abtun und zur Tagesordnung übergehen - wenn, ja wenn Clement nicht auf Wiederholung bestünde. Er betrachtet seinen Aufruf zur Nichtwahl der SPD als Großtat und kündigt Wiederholung an. Dies zu akzeptieren, wäre nicht Ausdruck von Großzügigkeit, sondern von Liederlichkeit einer Partei.
"Parteischädigendes Verhalten" ist laut Gesetz in allen Parteien Ausschlussgrund. Gleichwohl sind Ausschlüsse Mist, weil eine große Partei viel aushalten kann und muss. Mit Clements Beharren auf Wiederholung - wohlgemerkt, erst damit! - schließt er sich aber selber aus. Clement sollte also eine Spur Einsicht zeigen.
Clement will Politik machen
Sicherlich: Rechthaberei gehört zur Politik. Unerträgliche Rechthaberei gehört zur Spitzenpolitik; sie ist Kennzeichen der meisten politischen Memoiren. Clement aber schreibt nicht Erinnerungen, sondern will Politik machen. Bei ihm addieren sich dabei unangenehme Eigenschaften dreier Altersgruppen: Die Präpotenz von vielen jungen und der Starrsinn von vielen alten Politikern vereint sich mit der Besserwisserei der Aktivitas. Das führt bei ihm dazu, seinen Fehler für ein Ruhmesblatt zu halten.
Bei Leuten wie Clement wünschte man sich, es gäbe so etwas wie den Senat im alten Rom: eine Institution, in der ehemalige Amtsträger - in einer Art vorgezogenem Walhall - Betätigung, Befriedigung und Auslauf finden; ein Gremium, das dem Rat zur Verfügung stellt, der ihn haben will. Freilich: Es gibt etliche Altpolitiker, die auch ohne eine solche Einrichtung gut zurechtkommen.
Da gibt es den alten Hans-Jochen Vogel, ehrengeachtet und vielgefragt nicht trotz, sondern wegen seiner Loyalität. Er ist Beispiel dafür, wie man mit 82 Jahren noch Parteisoldat sein kann, auch wenn man nicht mehr marschiert. Da gibt es Heiner Geißler, 78, Ex-Generalsekretär der CDU, der sich von seiner Partei abgenabelt hat, eigenständige Positionen vertritt, aber darauf beharrt, dass diese zu den CDU-Grundpositionen gehören; frühere Gegner verehren ihn als Goldmund. Doch auch im schärfsten Geißler-Interview wird man nicht den Hauch eines Aufrufs zur Wahl einer anderen Partei finden. Oder Egon Bahr, 86, der im Willy-Brandt-Haus sitzt und seine exorbitante Erfahrung der SPD-Führung zur Verfügung stellt, wenn diese sie haben will.
Vielleicht ist Wolfgang Clement, 68, für diese Art von Weisheit noch nicht alt genug. Man wünscht ihm, dass er dieses Alter schnell erreicht.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 6.8.2008/vw)
Obama zeichnet Bob Dylan aus
denn eine Y-SPD wird eine schlechte Linkspartei werden. Clements Ding war gesinnungsethisch OK, parteipolitisch allerdings fragwürdig. Aber manchmal ist die Gesinnung wichtiger - auch bei Widerstandskämpfern aller Art
Als die damalige große Koalition die APO (außerparlamentarische Opposition) hervorbrachte,hagelte es auch Parteiauschlussverfahren.
Willy Brand war es mit seinem Spruch, Mehr Demokratie wagen, gelungen die Leute wieder zurück zu holen. Die damalige APO und die politische Stimmung hätte leicht zum Kippen der Demokratie führen können.
Nur Clement ist nicht die APO, er betreibt nicht das demokratische Geschäft, er will ja keine Diskussion, vielmehr will er ein Diktat, nämlich sein Diktat.
Der Mitgliederverlusst der Parteien, auch der CDU/CSU, ist genau auf solche autoritären Persönlichkeiten wie Herrn Clement zurück zu führen.
Ich trete doch in eine Partei ein um etwas zu bewegen und was zu erreichen, nicht um bei Bedarf Plakate zu kleben und Kugelschreiber zu verteilen.
Heribert Prantl, angesichts der gerade erfolgten Pressekonferenz durch Clement, und meiner sicheren Überzeugung, dass Schily ihn perfekt juristisch vorbereitet hat, kann ich Ihren Kommentar voll unterschreiben.
Vom tatsächlichen Kern des Vorwurfs hat Clement nichts zurückgenommen.
1. Er hat zwar in "Hart aber Fair" zur Wahl einer anderen Partei aufgerufen, bedauert jetzt aber, dadurch vielleicht die Gefühle der SPD-Wahlkämpfer verletzt zu haben.Clement bedauert also nicht seine Worte, sondern die Wirkung seiner Worte.
2. Seine Ankündigung, sich nicht das Maul verbieten zu lassen, d.h. gleiches bei kommenden Wahlen möglicherweise zu wiederholen, hat es nicht zurückgezogen.
Also in der Sache hat sich nichts geändert. Wenn jedes SPD-Mitglied - ohne Amt und Funktion in der Partei - ein derart Mediales Echo hätte, würde Clement zu Staubkorn.
Aber was gefährlich ist: Clement will nicht in der Partei durch Diskussion in den Konferenzen für seine Position werben, sondern er möchte gemeinsam mit einem großen Teil der Presse Meinungsbildung ohne Diskussion mit Druck von außen betreiben.Und da er als professioneller Journalist weiß, was er macht, ist sein Verhalten nicht nur SPD-schädigend, sondern parteienschädigend, ja es ist schädigt das Funktionieren unseres parlamentarischen demokratischen Systems.
Absolut verrückt ist es, wenn beispielsweise noch zwei Wochen zuvor der Deutschlandfunk 3 Stunden über den Rückgang der Bereitschaft , sich in Parteien zu engagieren debattiert, ein ehemaliger Chefredakteur aber locker Clements Verhalten billigt oder zumindest bagatellisiert.
Wenn Clement in der Partei beibt, wird die Bereitschaft der Mitglieder, für die SPD zu kämpfen, drastisch sinken. Und das wäre dramatischer als die augenblicklichen Umfragetiefs.
Das war aber jetzt ein bisschen bösartig.
Friedhofsgräber mit Radieschen zu bepflanzen, kommt dem Aufruf zu einer Revolution gleich.
sondern die Partei, die längst nicht mehr weiss, für welche Positionen sie aktuell steht. Weiss es Herr Prantl? Nein, er weiss es nicht und einer der es auch nicht weiss ist Herr Clement. Nur, wie ehrlich ist man denn dem Wähler gegenüber noch, wenn man zwar gewählt werden will, aber nicht sagen kann, wohin im Falle des Sieges die Reise denn gehen soll. Kann man so eine Partei noch wählen? Die meisten Leser scheinen hiermit kein Problem zu haben. Hauptsache die SPD kommt an die Macht. Herr Clement scheint hier die Prioritäten wohl ein wenig anders gesetzt zu haben. Vielleicht ist er nur der immer wieder geforderte ehrliche Politiker? Nach dem Willen der meistern Leser, darf er dies nicht sein. Wo käme eine Partei denn hin, wenn jedes Mitglied seine Meinung so einfach rausposaunen darf? Das geht doch nicht! Und schon gar nicht, wenn man immer noch in der Partei ist! Wo kämen wir denn da hin!
Das eigentliche Problem ist die SPD, die heute so und morgen so entscheidet. Von der berühmten Agenda 2010 - sie gilt zwar noch - hat man sich doch längst verabschiedet. Die einen wollen so Links wie die Linken sein, die anderen drängt es zur bürgerlichen, aber sozialbewussten Mitte. Die einen sehen in der Anbiederung an die umbenannte SED (ja, es ist immer noch dieselbe Partei) die große Chance, wie Ypsilanti in Hessen. Auch wenn dies nicht auf der offiziellen Parteilinie liegt: wenn man dadurch an die Macht kommt, scheint es vielen doch recht vertretbar.
Auch Herr Prantl könnte uns kaum sagen, wofür die SPD heute in zentralen Fragen noch steht, aber darauf kommt es ja scheinbar nicht an.
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