Clausnitz Dorf in Scham

"Wir müssen uns überlegen, wie wir weiterleben in diesem Ort." Nach den rassistischen Vorfällen von Clausnitz tagt der Gemeinderat, viele Bürger kommen am Abend zur Sitzung. Erklärungsversuche gibt es. Mehr noch aber herrscht: Ratlosigkeit.

Von Ulrike Nimz, Rechenberg-Bienenmühle

Eigentlich stand etwas anderes auf der Tagesordnung des Gemeinderats Rechenberg-Bienenmühle. Um den Haushalt 2016 sollte es gehen, um die Hochwasserschadensbeseitigung. Dass nach den Ereignissen im zehn Minuten entfernten Ortsteil Clausnitz, dem brüllenden Mob, der vergangenen Donnerstag einen Bus voller Flüchtlinge belagerte und die Insassen bedrohte, aber nicht mehr die Rede sein kann von einer Rückkehr zur Tagesordnung, macht Bürgermeister Michael Funke gleich zu Beginn der Sitzung klar. Er zitiert ZDF-Journalistin Dunja Hayali: "Glaubt eigentlich irgendjemand, dass dieser ganze Hass etwas bringt?" Dann wird er persönlich. Seelisch angeschlagen sei er. Die Taten, die Bilder, die Berichterstattung hätten Spuren hinterlassen: "Bei mir, meiner Familie, vor allem aber bei den Insassen im Bus."

Es ist still im Saal des Rathauses, am Fuße einer neugotischen Kirche. 60 Leute passen in den Raum, heute haben sie Stühle hereintragen müssen. Vor der Tür steht ein Polizeiwagen. 45 Minuten sind eingeplant für eine Fragerunde. Ausdrücklich soll es nicht um die große Politik gehen, nur um jenen Abend, als der sächsische Ort in die Schlagzeilen geriet, weil jemand nicht nur "Wir sind das Volk" grölte, sondern dabei auch filmte.

Die meisten Bürger hier wollen sich distanzieren, Ratlosigkeit und Scham ausdrücken ob des Exzesses. Aber es wird auch gefragt, warum ein Informationsschreiben ausblieb, was gegen die Gewaltaufrufe von links getan werde, die jetzt im Internet kursieren. Ein Mann will wissen, warum die Flüchtlinge nicht mittags gebracht worden sind: "Da arbeiten doch alle." Es ist der Punkt, an dem Dieter Steinert, Stabsstelle Asyl in Mittelsachsen, die Stimme hebt: "Ihre Frage verwundert mich sehr. Fragen Sie lieber, was Sie für diese Menschen tun können." Dann erhebt sich ein älterer Herr. Wolfram Fischer vom Netzwerk Asyl kümmert sich um die Flüchtlinge im Ort. Er war dabei an diesem Abend. "Die Angst in den Gesichtern der Menschen im Bus. Vor der Scheibe die Masse an Köpfen und der blanke Hass. Die Flüchtlinge haben nicht provoziert. Die Polizei hat Unrecht." Fischer spricht langsam, betont jedes Wort. "Wir müssen uns überlegen, wie wir weiterleben in diesem Ort", sagt er. "Es gibt so viel gutzumachen." Dafür gibt es Applaus.