Chronologie Der syrische Bürgerkrieg im Überblick

Zehn Monate nach dem Scheitern der letzten Friedensgesprächen unter UN-Vermittlung werden in Genf neue Verhandlungen aufgenommen. Wie es in Syrien von friedlichen Protesten 2011 zum tödlichen Konflikt kam.

Von Markus C. Schulte von Drach

Seit Wochen haben die syrische Armee und die russische Luftwaffe die Aufständischen in Aleppo bombardiert und die Stadt in Schutt und Asche gelegt. Hunderte Zivilisten starben, Hunderttausende waren von der Versorgung mit Nahrung und Hilfsgütern abgeschnitten. Nun ist die Stadt fast vollständig in der Hand der Regierungstruppen. Die Aufständischen sollen abtransportiert werden. Doch immer wieder flammen Kämpfe auf.

Einen Überblick über die Ereignisse in Syrien seit Januar 2016 finden Sie hier: Chronik 2016. Den gesamten Verlauf des syrischen Bürgerkriegs von Beginn an können Sie ab hier verfolgen.

Vom Protest zum Bürgerkrieg

Nach den Aufständen in Tunesien Ende 2010 und Ägypten Anfang 2011 kommt es im Januar und Februar auch in Syrien zu Protesten der syrischen Opposition. Anfänglich sind es nur kleinere Demonstrationen, auf die Behörden mit der Verhaftung von Oppositionellen reagieren. Proteste in den Städten Qamischli und vor allem in Daraa werden im März mit Gewalt beendet. Es kommt zu Ausschreitungen, öffentliche Gebäude werden angezündet, Demonstranten von den Sicherheitskräften getötet.

Präsident Baschar al-Assad hebt die seit 1963 geltenden Notstandsgesetze auf. Der Premierminister und das Kabinett treten zurück. Die Proteste gehen jedoch weiter.

Assad-Gegner versammeln sich am 18. April in der Stadt Homs zum Gebet

(Foto: REUTERS)

Die Gewalt eskaliert

Am 22. April kommt es in vielen Städten zu den bisher größten Demonstrationen, bei gewaltsamen Auseinandersetzungen töten Sicherheitskräfte vermutlich mehr als 70 Menschen.

Die Städte Homs und Daraa sowie weitere Orte und ein Vorort der Hauptstadt Damaskus werden abgeriegelt, zum Teil wird die Strom- und Wasserversorgung gekappt. Das Militär setzt Panzer ein. Hunderte Menschen sterben, Tausende werden verhaftet. Die Proteste weiten sich auf weitere Städte auf, etwa Aleppo und Hama. Bereits jetzt fliehen Hunderte von Syrern in die Türkei und den Libanon.

Der Sender Al Arabiya überträgt am 28. April Bilder von einem Panzer auf dem Weg nach Daraa

(Foto: dpa)

Hisbollah-Milizen auf Assads Seite

Assad lässt neben seiner Baath-Partei weitere Parteien zu. Doch die Demonstranten wollen seinen Rücktritt. Die Auseinandersetzungen nehmen an Gewalt zu. Seit Mai unterstützen offenbar Spezialeinheiten aus Iran die syrische Regierung. Außerdem kämpfen Mitglieder der schiitischen Islamistengruppe Hisbollah aus dem Libanon auf Seiten der Regierung.

Spätestens hier zeigt sich ein religiös-politischer Aspekt des Konflikts: Assad ist Alawit, genau wie viele andere Führungskräfte in der Armee und der regierenden Baath-Partei. Die Alawiten stehen den Schiiten nahe. Das schiitische Regime in Iran ist ein enger Verbündeter der Regierung in Damaskus. Die Bevölkerungsmehrheit in Syrien ist jedoch sunnitischen Glaubens, und steht auch deshalb der Regierung - und den schiitischen Minderheiten im Land - kritisch gegenüber. Die schiitischen Gruppen sehen sich bedroht und stehen deshalb eher hinter dem Regime.

Deserteure bilden die "Freie Syrische Armee"

Signale der Regierung, demokratischere Verhältnisse zuzulassen, bewirken angesichts der Gewalt der Sicherheitskräfte nichts. Dafür desertieren Tausende von syrischen Soldaten und bilden Ende Juli die "Freie Syrische Armee". Sie fordern wie die Demonstranten den Sturz Assads. In Istanbul wird von Exil-Syrern der "Syrische Nationalrat" gegründet, der die Opposition vereinigen will. Sein Einfluss auf die Vorgänge in Syrien bleibt allerdings gering.

Die Zahl der Flüchtlinge geht inzwischen in die Tausende. Die Türkei beginnt, Flüchtlingslager zu errichten. Viele Syrer gehen nun auch nach Jordanien und Libanon.

Iran fordert von Assad im September einen Gewaltverzicht, eine Resolution gegen den Diktator im UN-Sicherheitsrat wird von Moskau und Peking allerdings erneut verhindert.

Ein Mitglied der Ahrar al-Scham feuert auf Kämpfer der kurdischen Miliz YPG

(Foto: AFP)

Islamisten gewinnen an Einfluss

Zunehmend organisieren sich die oppositionellen Gruppen nun entlang ihrer Religion und Herkunft. Regimetreue alawitische Milizen und sunnitische Extremisten heizen die Gewalt weiter an. In den von Kurden bewohnten Gebieten in Nordsyrien übernehmen kurdische Milizen weitgehend die Kontrolle.

Nach der Gründung der sunnitischen Rebellenmiliz Ahrar al-Scham im Oktober und weiterer islamistischer Gruppen weicht der Ruf nach einer Demokratie in der Opposition zunehmend dem nach einem islamischen syrischen Staat. Aus den Protesten hat sich ein Bürgerkrieg entwickelt - zwischen Assads Soldaten und Polizisten auf der einen Seite und der Freien Syrischen Armee, Ahrar al-Scham und anderen Rebellengruppen auf der anderen Seite.

Ende des Jahres 2011 meldet die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay, den Tod von mehr als 5000 Zivilisten durch die syrischen Sicherheitskräfte. 8000 Syrer hat das Flüchtlingshilfswerk der UN (UNHCR) außerhalb des Landes registriert. Etliche mehr sind im Lande selbst auf der Flucht. In Deutschland bewerben sich 2011 etwa 2600 Syrer um Asyl.