Christentum und Islam Der Dreikönigsweg

Man findet Gott nicht im religiösen Wettkampf - man findet ihn miteinander. Und der eine baut ihm einen Glockenturm, der andere ein Minarett.

Ein Kommentar von Heribert Prantl

Man muss sich das vorstellen: Wie der König Balthasar von seinem Elefanten herunterklettert, König Melchior von seinem Kamel, König Caspar von seinem Pferd - und wie die drei dann auf dem Weg zur Krippe ihre prächtigen langen Mäntel durch den Schafscheiß schleifen.

Als Kind hat mir diese Vorstellung stets Vergnügen gemacht: Es liegt nun einmal viel Dreck auf einer Schafweide, auch dann, wenn ein geschweifter Leitstern den Weg dorthin gewiesen hat und soeben noch der Engel des Herrn bei den Hirten seinen glanzvollen Auftritt hatte.

Glocken und Minarette

Die drei Könige kommen also ein wenig verdreckt an beim Jesuskind, und das gefiel mir eigentlich ganz gut; weil somit erstens bewiesen war, dass Sauberkeit selbst bei den allerheiligsten Angelegenheiten nicht das Wichtigste ist; zweitens weil die Könige nicht nur im echten, sondern auch im übertragenen Sinn herunterkommen mussten vom hohen Ross.

Man steht nicht prunkend und protzend vor seinem Gott, auch wenn der derzeit in Windeln liegt. Immer wieder hatte und hat man freilich den Eindruck, dass die Kirche glaubt, sie selbst liege in der Krippe und müsse also königlich verehrt werden. Das ist ein gefährlicher Irrtum.

Die Geschichte von den Heiligen Drei Königen gehört zu den großen Erzählungen der Christenheit. Für das Volk waren die drei Könige mit ihrer phantastischen Menagerie jahrhundertelang so etwas wie ein religiöser Zirkus Krone: Das exotisch Fremde hielt seinen Einzug in die Frömmigkeit, und das zauberhaft Andere lagerte in der ansonsten vertrauten, weil ins Heimische transportierten biblischen Szenerie. Die Krippenschnitzer, die Fassmaler und Vergolder haben sich seit jeher mit den drei Königen am meisten Arbeit gemacht. Im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation galten sie als Reichsheilige, sie waren den deutschen Königen und Kaisern Vorbild und Fürbitter, weshalb diese nach ihrer Krönung in Aachen nach Köln zogen, zum Gebet vor dem Dreikönigsschrein.

Eine große biblische Basis hat dieser schöne Dreikönigskult nicht. Die Geschichte steht nur in einem der vier Evangelien, bei Matthäus, und auch dort ist nicht die Rede von Königen, sondern, je nach Übersetzung, von persischen Priestern, Magiern oder Sterndeutern. Aber aus den knappen Sätzen beim Evangelisten Matthäus haben Phantasie, Volksglaube und christlicher Symbolismus viel gemacht. Die drei Könige verkörpern, so steht es in der Heiligenlegende, die drei Lebensalter und die drei in der alten Zeit bekannten Kontinente: Der als Greis dargestellte älteste König, Caspar benannt, steht für Europa; er bringt Gold als Geschenk. Melchior, ein König im besten Mannesalter, vertritt Asien, er überreicht Weihrauch. Der jüngste und schönste, der Mohrenkönig Balthasar, steht für Afrika und bringt die Myrrhe. Oft gilt auch Caspar als der schwarze und Balthasar als der alte König.

Wenn man die Dominanz und Überordnung der christlichen Kirche gegenüber anderen Religionen begründen will, lässt sich das mit den drei Königen gut bewerkstelligen. Sie, die andersgläubigen Herrscher, verlassen schließlich Land und Leute, um die Knie vor dem Gott der Christen zu beugen. So hat man die Epiphanie lange gesehen, und das war und ist dem Miteinander der Religionen nicht sehr gut bekommen. Wer sich nicht beugte, musste gebeugt werden, das war eine ungute Lehre aus Matth 2, 1 - 12. Damit wird bis heute römischer Monozentrismus und ein fordernder Anspruch zumal der katholischen Religion begründet. So kann man darlegen, warum allenfalls in einer hölzernen Weihnachtskrippenlandschaft "im arabischen Stil" ein Minarett stehen darf, nicht aber in der christlichen Schweiz.

Überlegenheit der christlichen Religion über die anderen? Man sollte die Dreikönigs-Geschichte nach 2000 Jahren mit einer anderen und verträglicheren Symbolik anreichern: Da machen sich drei Könige auf den Weg, auf die Suche nach Gott. Weil sie miteinander an der Krippe eintreffen, müssen sie sich irgendwo getroffen, verabredet und auch darüber gesprochen haben, wer was wie sucht und warum, was man schenkt und in welcher Haltung und Reihenfolge man sich dem Gesuchten nähert. Das ist der Dialog, der Trialog der Religionen - und dann sind Caspar, Melchior und Balthasar nicht, wie in der Legende, Vertreter von Erdteilen, sondern heute Repräsentanten der drei abrahamitischen Weltreligionen Christentum, Judentum und Islam. Das Christentum war vor zwei Jahrtausenden erst im Entstehen; den Islam gab es noch nicht; es gab den Zoroastrismus, dem die "Weisen aus dem Morgenland" in der klassischen Exegese zugewiesen werden. In Konkurrenz zum Christentum stand in den ersten Jahrhunderten der zoroastrische Mithras-Kult und der Manichäismus; heute ist es der Islam.

Die neue Interpretation der Dreikönigs-Geschichte könnte also sein: Man findet Gott nicht im Wettlauf, nicht im religiösen Wettkampf; man findet ihn miteinander. Das ist auch der Kern des im Okzident verkannten und im Orient pervertierten Dschihad, der nicht den Heiligen Krieg fordert, sondern ein "Sich-Abmühen auf dem Weg Gottes". Gott findet der, der sich auf den Weg macht, sich ins Unbekannte führen lässt. Er findet ihn im Reden mit den Anderen und in der gemeinsamen Suche; manchmal muss dabei auch einer auf den anderen warten.

Jeder König hat sein Schicksal hinter sich. Jeder kennt den Fundamentalismus in sich, den Glauben, die alleinige Wahrheit gepachtet zu haben. Jeder weiß, wie aus Monotheismus heiliger Nationalismus wird, der schlimmer war und ist als der politische. Gott wurde und Allah wird immer wieder zum Motiv einer angeblich um des Heils willen gerechtfertigten Gewalttätigkeit. Die Könige treffen also in prekärem Zustand aufeinander.

Gott und Allah, ewige Konkurrenz?

Die Christen und die, die es einmal gewesen sind, tun sich schwer mit dem Islam-Dialog, oft auch deswegen, weil sie dem muslimischen Glaubensstolz und der Inbrunst vieler Muslime nicht viel entgegenzusetzen haben. Sie fürchten, dass die Zukunft der christlichen Vergangenheit verlorengeht. Die Auseinandersetzung mit den glaubensbewussten Muslimen macht vielen Westlern, ob gläubig oder nicht, ihre eigene Unkenntnis über die Grundlagen des Christentums klar. Die Angst vor dem Verlust der "christlichen Werte" ist ja hierzulande paradoxerweise gerade in jenen Milieus ausgeprägt, die von eben diesen Werten sonst wenig wissen wollen - während viele praktizierende Christen den interreligiösen Dialog suchen und pflegen.

Ewige Konkurrenz zwischen Gott und Allah? Was ist besser: Wenn aus einer christlichen Kirche, die überflüssig geworden ist, ein Supermarkt - oder wenn daraus eine Moschee gemacht wird? Gott ist der Gott, den auch der andere verehrt, aber jeder nennt ihn anders und jeder erkennt ihn anders, jeder preist ihn anders. Der eine baut ihm einen Glockenturm, der andere ein Minarett.

Miteinander suchen, Gemeinsamkeiten finden. Das ist ein bisher gescheitertes Jahrtausendprojekt. Es ist der Weihnachts- und Dreikönigsweg.