Chinesischer Dissident Chen Guangcheng "Dann brachten sie Knüppel"

Der chinesische Bürgerrechtler Chen will China "so schnell wie möglich" verlassen. In einem dramatischen Appell fleht der Aktivist US-Präsident Obama um Hilfe an und schildert, wie die Polizei seine Familie bedroht haben soll. Auch gegen US-Diplomaten erhebt Chen schwere Vorwürfe.

Es ist ein dramatischer Appell, den der blinde Bürgerrechtler Chen Guangcheng an US-Präsident Barack Obama richtet. In einem Telefoninterview mit dem amerikanischen TV-Sender CNN vom Krankenhaus aus bittet er den US-Präsidenten, ihm doch bei der Ausreise aus China zu helfen.

"Wir sind in Gefahr", sagt der Aktivist. Der 40-Jährige appelliert an Obama, "alles zu tun", um ihn und seine Familie aus China herauszubringen. "Wir wollen diesen Ort so schnell wie möglich verlassen."

Außerdem präzisiert Chen in dem Interview die Drohungen gegen seine Familie: Nach seiner Flucht aus 19 Monaten Hausarrest habe die Polizei seine Frau zwei Tage lang an einen Stuhl gefesselt. "Dann brachten sie Knüppel und drohten, sie zu Tode zu prügeln." Er sei gewarnt worden, dass seine Frau und seine zwei Kinder von Peking wieder in die Heimatprovinz Shandong gebracht würden, wenn er die Botschaft nicht verlasse. "Sie sagten, sie würden sie zurückschicken und Leute würden sie verprügeln."

Schwere Vorwürfe richtet Chen auch gegen US-Diplomaten: In der US-Botschaft habe er nicht viele Informationen erhalten und auch nicht mit Freunden über seine Lage sprechen können. Er sei "sehr enttäuscht" über die US-Regierung. "Die Botschaftsleute drängten mich, zu gehen, und versprachen, dass sie Leute hätten, die mit mir im Krankenhaus bleiben." Doch bei seiner Ankunft im Krankenhaus sei dort keiner gewesen.

Chen hatte sich wegen einer Fußverletzung, die er sich bei der Flucht zugezogen hatte, in das Pekinger Chaoyang-Krankenhaus begeben. Er wurde abgeschirmt und konnte am Donnerstagmorgen nicht mehr auf seinem Handy erreicht werden. Zunächst hatte er erklärt, ihm sei zugesichert worden, dass er in China sicher sei. Stunden später aber sagte er, er fürchte um die Sicherheit seiner Familie, sofern nicht alle Mitglieder ins Ausland gebracht würden. Außerdem sagte er, er habe sich unter Druck gesetzt gefühlt, die Botschaft zu verlassen.

US-Botschafter Gary Locke hat sich inzwischen zu den Vorwürfen geäußert - und dementiert, dass Chen unter Druck gesetzt worden sei. Er könne eindeutig sagen, dass dies nicht der Fall gewesen sei, erklärte Locke bei einer Pressekonferenz. Chen habe zwei Mal mit seiner Frau telefoniert, bevor er die Botschaft verlassen habe.

Clinton ruft China zum Schutz der Menschenrechte auf

Scharfe Kritik am Umgang der USA mit dem blinden Bürgerrechtler übte die Menschenrechtsorganisation Chinese Human Rights Defenders (CHRD). Es seien "keine bedeutsamen Maßnahmen" ergriffen worden, um sicherzustellen, dass die chinesischen Behörden ihren Teil der Tauschhandels einhalten, teilte CHRD mit. "Wir sind sehr besorgt über seine Sicherheit", sagte CHRD-Direktorin Renee Xia.

US-Beamte hätten sich mehr Zeit nehmen sollen, um andere Optionen zu prüfen und Chen Guangcheng vor dem Verlassen der US-Botschaft mehr Zeit zu geben, seine Freunde zu konsultieren. "Sein Schicksal ist jetzt wieder in den Händen derselben Regierung, die sich in den vergangenen sieben Jahren mitschuldig an seinem Verschwinden, seiner Festnahme und Angriffen auf ihn gemacht hat", teilte CHRD mit.

Chens Vorwürfe überschatteten am Donnerstag den Auftakt einer neuen Runde des strategischen und wirtschaftlichen Dialogs zwischen China und den USA in der chinesischen Hauptstadt. US-Außenministerin Hillary Clinton forderte die chinesische Regierung auf, die Menschenrechte zu wahren. "Alle Regierungen müssen dem Wunsch ihrer Bürger nach Würde und Rechtsstaatlichkeit nachkommen, und keine Nation kann oder darf solche Rechte verweigern."

Chinas Präsident Hu Jintao forderte Respekt im Umgang zwischen beiden Ländern. Angesichts der verschiedenen nationalen Bedingungen könnten beide Seiten nicht in jeder Frage übereinstimmen. "Wir sollten angemessen mit unseren Differenzen umgehen." Auf Chens Fall aber gingen weder Clinton noch Hu Jintao öffentlich ein.

Zu den länger geplanten Gesprächen ist neben Clinton auch Finanzminister Timothy Geithner nach China gereist. Auf chinesischer Seite nehmen der für Wirtschaft zuständige Vizepremier Wang Qishan und der oberste Außenpolitiker, Staatsrat Dai Bingguo, teil. Im Mittelpunkt stehen neben Handels- und Währungsfragen auch der Konflikt in Syrien, die Atomstreitigkeiten mit Iran und Nordkorea sowie die jüngsten Spannungen zwischen China und den Philippinen um strittige Seegebiete im Südchinesischen Meer.