"China verstehen": Paul French "China altert massiv"

Chinas Mittelschicht entsteht gerade, die Wirtschaftspolitik der Regierung will sie zu zahlungsfreudigen Konsumenten machen. Doch China-Experte Paul French zweifelt, dass dieser Plan gelingen kann: Die Preise steigen und der demografische Schock nimmt langsam Formen an.

Interview: Johannes Kuhn

Chinas kommunistische Partei beschließt den Austausch ihrer Führungsriege. Die Zäsur kommt zu einem Zeitpunkt, an dem das Land sich geopolitisch längst auf Augenhöhe mit den USA befindet, gleichzeitig aber von vielen inneren Konflikten geprägt ist. In dieser Reihe von Kurzinterviews spricht Süddeutsche.de mit Landeskennern über die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Lage in China.

Autor Paul French: Chinas Mittelschicht denkt bald an die Eltern, statt an Louis Vuitton und McDonald's.

(Foto: oH)

Paul French lebte und arbeitete lange Zeit als Autor in Shanghai und hat zahlreiche Bücher über historische Persönlichkeiten Chinas und die Gegenwart des Landes geschrieben. Der Brite ist zudem regulärer Kolumnist in Fachzeitschriften wie China Economic Quarterly und China Economic Review. Sein letztes Buch "Midnight in Peking", in dem die wahre Geschichte des Mordes an einer britischen Diplomatentochter im Jahr 1937 erzählt wird, schaffte es auf die Bestseller-Liste der New York Times.

Süddeutsche.de: In welcher historischen Phase befindet sich die Volksrepublik?

Paul French: In einer Periode des Übergangs, und zwar einer wichtigen. Die Regierung versucht verzweifelt, den wirtschaftlichen Schwerpunkt vom Export auf den Konsum im eigenen Land zu verschieben. Das funktioniert aber nur, wenn die entstehende urbane Mittelschicht daran glaubt, dass die Wirtschaft weiterhin wächst, die Lebenskosten stabil bleiben und die Zukunft großartig aussieht. Wenn sie das Gefühl hat, dass die Zeiten schlechter werden, gibt sie kein Geld aus - und das ganze Projekt bricht in sich zusammen.

Wie steht es um die Mittelschicht?

Nach europäischen oder amerikanischen Kriterien ist die chinesische Mittelschicht sicher nicht reich. Sie ist immer noch dabei, sich überhaupt zu formieren und ihre Mitglieder beschränken sich darauf, Wohlstand anzuhäufen und Geld zu horten. Gleichzeitig ist sie immer mehr von Statusdenken geprägt und gönnt sich auch einmal Urlaube im Ausland, Luxusmarken oder schickt den Nachwuchs auf teure Schulen.

Dabei erhält sie Unterstützung vom Staat ...

Richtig, ohne diese "stillen Subventionen" wie Regierungszuschüsse für den öffentlichen Nahverkehr, Lebensmittelpreise oder Benzin wäre die Urbanisierung Chinas überhaupt nicht möglich gewesen. Die Perspektive des Wohlstands reizt auch die Wanderarbeiter, die dann schlecht bezahlte Jobs als Taxifahrer, Kellner oder Bauarbeiter übernehmen, was wiederum die Preise künstlich unten hält.

Wird sich die Urbanisierung fortsetzen?

Im Moment verlangsamt sie sich, was wiederum in den nächsten Jahren dazu führen wird, dass nicht mehr so viele billige Arbeitskräfte in die Städte kommen. Das bedeutet wiederum für die Mittelschicht, dass die Lebenshaltungskosten höher werden - genau wie die Immobilienpreise.

Wie entwickeln sich die Preise?

Es geht steil nach oben - ob wir von Konsumgütern, Energie, Logistik, Büromieten, Rohstoffen oder in vielen Provinzen auch von Löhnen reden. Das macht es wiederum teurer, in China zu investieren, was Jobs verschwinden lässt.

Die Zeiten des "billigen China" sind also vorbei?

So ist es. Doch das produzierende Gewerbe stellt sich nicht darauf ein, wird nicht innovativer. Das wird einmal zu Problemen führen. China müsste Tablet-Computer künftig selbst erfinden, anstatt sie nur zusammenzubauen.

Was ist die Perspektive der Mittelschicht?

Die Ein-Kind-Politik hat dazu geführt, dass China massiv altert. Die Einzelkinder werden sich bald darauf vorbereiten, diese Lasten zu tragen. Womöglich werden sie dann weniger über Louis Vuitton und McDonald's nachdenken, sondern stattdessen in Gesundheitsvorsorge und Versorgung ihrer Eltern investieren.