China: Tote im Uiguren-Gebiet Schweigsame Statistik

Die Zahl der Toten bei den Krawallen in der Uiguren-Provinz Xinjiang ist auf 184 gestiegen. China hat nun erstmals eine Aufschlüsselung der Opferzahlen bekanntgegeben - sie lässt viele Fragen offen.

Von Henrik Bork, Peking

Bei den Unruhen im Norwesten Chinas sind mehr Menschen ums Leben gekommen als bisher bekannt war. Die offizielle Zahl der Toten stieg am Samstag auf 184. Bislang hatte Peking von 156 Toten gesprochen.

Die chinesische Regierung demonstriert Stärke: Militärs patrouillieren durch die Straßen von Urumqi.

(Foto: Foto: AFP)

Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua gab auch erstmals eine offizielle Aufschlüsselung bekannt, wieviele der Toten Han-Chinesen und wieviele Angehörige der muslimischen Minderheiten gewesen sein sollen. 137 Han-Chinesen, 46 Uiguren und ein Mitglied der Hui-Minorität seien gestorben, schrieb Xinhua.

Die kurze Meldung ließ jedoch eine Reihe von Fragen unbeantwortet, vor allem die, wieviele Menschen in den ethnischen Krawallen von dem rasenden Mob ermordet worden sind und wieviele Menschen beim Einschreiten der Sicherheitskräfte ums Leben gekommen sind.

Die Rassenkrawalle in Urumqi, der mehr als 3000 Kilometer nordwestlich von Peking gelegenen Hauptstadt der chinesischen Nordwestprovinz Xinjiang, hatten am vergangenen Sonntag begonnen. Angehörige der uigurischen Minderheit, die knapp die Hälfte der 21 Millionen Bewohner der Provinz stellen, hatten im Internet ein Video von Lynchmorden an zwei uigurischen Wanderarbeiten im Süden Chinas gesehen.

Eine nach Angaben von Augenzeugen zunächst friedliche Demonstration von uigurischen Studenten war dann schnell zu einem Krawall eskaliert, in dessen Verlauf viele han-chinesische Passanten auf offener Straße erschlagen oder erstochen wurden.

Eine unbekannte Zahl von arbeitslosen uigurischen Jugendlichen hatte sich zuvor offenbar unter die Demonstranten gemischt. Doch auch uigurische Bürger kamen bereits in dieser "Blutnacht" des 5. Juli ums Leben. Später schritten die Sicherheitskräfte ein.

In den darauffolgenden Tagen hatte sich ein han-chinesischer Mob mit Eisenstangen, Knüppeln und Schaufeln bewaffnet, um Jagd auf Uiguren zu machen. Die Behörden gaben am Samstag nicht bekannt, wann die einzelnen Menschen ums Leben kamen.

Die nun bekannt gegebene Ratio von 137 Han-Chinesen zu 46 Uiguren ist nicht unabhängig überprüfbar. Wie stets nach Massenvorfällen mit vielen Todesopfern hatten die chinesischen Sicherheitskräfte die Leichen sofort eingesammelt und unter Verschluss gehalten.

Es war Reportern und anderen Beobachtern daher unmöglich, die Toten auf etwaige Schusswunden zu untersuchen. Selbst die Frage, ob Chinas Paramilitärs und Polizisten bei der Niederschlagung der gewalttätigen Ausschreitungen mit scharfer Munition geschossen hatten, ist ungeklärt.

Exil-Uiguren sprechen von bis zu 800 Toten

Eine uigurische Augenzeugin hatte der Süddeutschen Zeitung in Urumqi gesagt, ihr 20-jähriger Sohn sei von einer Kugel getötet worden, die von einer Hauswand abgeprallt sei, nachdem die Sicherheitskräfte "in die Luft geschossen" hätten. Der Bericht war jedoch wegen der nach wie vor schwierigen Arbeitsbedingungen für Journalisten ebensowenig zu überprüfen wie die offiziellen Angaben der Behörden.

Auch die nun leicht gestiegene offizielle Zahl von Toten wird mit großer Wahrscheinlichkeit umstritten bleiben. Angehörige des Uigurischen Weltkongresses (WUC), der für die vor Chinas Repression ins Exil geflohenen Uiguren spricht, hatte von bis zu 800 Toten gesprochen, ohne jedoch Namenslisten oder andere konkrete Beweise vorzulegen.

Eine solche Aufstellung - sofern sie existiert - dürfte derzeit auch nur sehr schwer aus Xinjiang ins Ausland gelangen, nachdem China in Urumqi sowohl das Internet, als auch sämtliche Telefonleitungen ins Ausland abgeschaltet hat. Chinas Regierung hat die Aussagen der Exil-Uiguren zurückgewiesen.

Auch auf den Straßen von Urumqi waren sofort Zweifel über die von den Behörden nun genannte Zahl getöteter Uiguren zu hören. "Das ist die Zahl der Han-Chinesen. Wir Uiguren haben unsere eigene Zahl", zitierte die Nachrichtenagentur Reuters einen Uiguren namens Akumijia in Urumqi. "Möglicherweise sind viel, viel mehr Uiguren gestorben. Die Polizisten hatten Angst und hatten die Kontrolle verloren", zitierte Reuters den Uiguren.

In einem klaren Anzeichen dafür, dass Peking die Statistik der Todesopfer sorgfältig manipulierte, hatte die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua die Aufschlüsselung nach Volksgruppen unter den Todesopfern am Samstagmorgen (Ortszeit) zunächst nur auf Englisch veröffentlicht. Der chinesische Hauptdienst der Agentur Xinhua hatte bis zum späten Nachmittag Ortszeit nur eine kurze Meldung über die gestiegene Gesamtzahl verkündet, ohne Ratio zwischen Han-Chinesen und Minderheiten.

Offenbar fürchteten die kommunistischen Behörden, dass mehr Details die ethnischen Gruppen erneut gegeneinander aufstacheln könnten. Mit einem massiven Sicherheitsaufgebot war es erst in den vergangenen Tagen gelungen, in Urumqi wieder eine gespannte Ruhe herzustellen. Mehr als 20.000 Sicherheitskräfte sind in der Stadt stationiert. Sofort nach der Niederschlagung der Unruhen hatte Peking auch mit Massenverhaftungen von Uiguren begonnen.

Unterdessen hat die chinesische Regierung angekündigt, dass sie den Familien "unschuldiger Opfer" der Unruhen in der Uiguren-Provinz Xinjiang umgerechnet 21.000 Euro Entschädigung zahlen wolle. Dies gelte sowohl für Han-Chinesen als auch für die muslimische Minderheit der Uiguren, zitierte die Nachrichtenagentur AFP einen Behördensprecher. Außerdem würden betroffene Familien gut 1000 Euro Unterstützung für die Bestattungskosten erhalten.

Unruhen in Urumqi

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