China Konkubinen bevorzugt

Die Kommunistische Partei tut offiziell viel für die Gleichberechtigung. Doch dem Schutz und der Karriere der Frauen dient das nicht immer. Und viele Männer sehnen sich sogar zurück in alte Zeiten.

Von Kai Strittmatter

Als Mao Zedong Chinas Frauen die "Hälfte des Himmels" versprach, hatte auch er eher die untere Hälfte im Sinn. Aber immerhin: Die schrittweise Emanzipation der jahrtausendelang unterdrückten chinesischen Frau war eine Errungenschaft der kommunistischen Machtübernahme 1949. Scheiden lassen etwa kann man sich in China heute in einer knappen halben Stunde. Leichter geht das kaum irgendwo auf der Welt. So gesehen fügt sich die Richtlinie, die die Provinz Anhui nun erlassen hat, in eine lange Tradition progressiver Maßnahmen: Arbeiterinnen in Anhui sollen sich bei Menstruationsbeschwerden künftig bis zu zwei Tage bezahlten Urlaub nehmen dürfen.

Anhui ist schon die dritte Provinz, in der die Regel gelten soll. Gute Wochen für Chinas Frauen also, sollte man meinen, zumal im März auch Chinas erstes Gesetz gegen häusliche Gewalt in Kraft treten wird. Und doch sind Chinas Frauenrechtlerinnen besorgt. Das plötzliche harsche Vorgehen des Staates gegen organisierte Feministinnen ist das eine: etwa die Verhaftung fünf junger Frauen vor einem Jahr, die gegen sexuelle Belästigung protestieren wollten, oder die Zwangsschließung einer angesehenen Rechtsberatung für Frauen in Peking vor drei Wochen.

Mindestens so stark ist der Gegenwind für die Sache der Frau seit einigen Jahren in der Gesellschaft. Chinas Wirtschaftsboom hat den Frauen neue Chancen gebracht - gleichzeitig hat er vielerorts einen Rückfall in längst überwunden geglaubte Verhaltensmuster befördert. Chinas Gesellschaft ist in manchem wieder konservativer, manchmal gar reaktionär geworden. Firmen schalten Anzeigen, in denen sie nur hübsche, junge, großgewachsene Frauen suchen. Reiche und mächtige Männer halten sich wie selbstverständlich wieder Konkubinen, viele ihrer Ehefrauen glauben, das dulden zu müssen. Gleichzeitig sehen selbst einige Parteiorganisationen den Platz der Frau wieder am heimischen Herd. Eine Universität in Wuhan schickte ihre Studentinnen 2015 in ein Seminar, in dem sie lernen sollten, "tugendhaft und elegant" zu sein: Schminken, Sticken und Kalligrafie waren Teil des Kurses. Und die Nationale Frauenvereinigung der KP verwandte in den vergangenen Jahren einen großen Teil ihrer Energie darauf, "übrig gebliebene Frauen" - Ledige älter als 27 Jahre - zur sofortigen Heirat zu drängen.

Vielleicht kein Wunder, dass in einem solchen Klima selbst ein Vorstoß wie der Menstruationsurlaub bei den Betroffenen erst einmal kaum auf Beifall stößt - in Netzforen, aber auch bei Frauenrechtlerinnen dominiert Misstrauen. "Ich bin skeptisch, ob die Regel wirklich dem Schutz und der Karriere der Frauen dient", sagt etwa Xiong Jing von der Pekinger NGO Gender Watch. Die große Sorge ist, dass sie im Gegenteil vielen Arbeitgebern ein weiterer Anlass sein könnte, Frauen gar nicht erst zum Vorstellungsgespräch einzuladen, weil sie Arbeitsausfälle befürchten. An der Spitze des Landes wenigstens brauchen sie sich die Sorgen nicht zu machen: Bis heute hat es noch nie eine Frau in den ständigen Ausschuss des Politbüros geschafft - das mächtigste Gremium Chinas war und bleibt ein Männerbund.