China gilt als traditioneller Verbündeter des Diktators Kim Jong Jl - doch Atomwaffen in Nordkorea sind auch für Peking eine Horrorvorstellung.
(SZ vom 11.1. 2003) - Zwischen China und Nordkorea hieß es einmal, dies sei eine "mit Blut besiegelte Freundschaft", und wenn auch die Freundschaft nie so herzlich war, wie die Propaganda behauptete - das mit dem Blut stimmte:
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Schätzungsweise eine Million Chinesen ließ ihr Leben für den Nachbarstaat. Sicher, es war der russische Diktator Josef Stalin, der dem "Großen Führer" Kim Il Sung 1945 sein kleines kommunistisches Reich schenkte, aber es waren die Chinesen, die Kims Regime wenig später vor dem Untergang retteten.
"Wie Lippen und Zähne"
Im Koreakrieg 1950-1953 schlugen Chinas "Freiwillige" die US-Truppen über den 38. Breitengrad zurück. Mao Zedong, der Gründer der Volksrepublik China, opferte seinen Sohn Anying in dem Feldzug. So eng "wie Lippen und Zähne" verhielten sich China und Nordkorea zueinander, posaunte die Propaganda später.
Dazu passte, dass Gründerdiktator Kim Il Sung, der Vater des heutigen Unruhestifters Kim Jong Il, Chinesisch sprach und als Jungrevolutionär gar Mitglied in Chinas KP war.
Schnell wuchs zwar wieder Misstrauen zwischen Pjöngjang und Peking, doch behielt die Metapher von den Lippen und den Zähnen zumindest geografisch stets ihre Richtigkeit:
Nordkorea grenzt an Chinas Flanke im Nordosten, zur Schwerindustrie in der Mandschurei ist es nicht weit, und so übersetzte sich die Geografie in strategisches Denken: An seiner Nordostflanke will Peking Ruhe - und auf keinen Fall US-Soldaten, von denen bereits 37 000 in Südkorea stationiert sind.
Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion gilt China tatsächlich als Nordkoreas größter Freund. Weniger weil die Sympathie so groß wäre als vielmehr, weil China mittlerweile der einzige Freund des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Il ist.
Der größte Handelspartner Nordkoreas
China ist längst der größte Handelspartner des Nachbarn. 2001 machte der bilaterale Handel 740 Millionen Euro aus, knapp ein Viertel des Handelsvolumens Nordkoreas, und noch unvollständigen Angaben aus Südkorea zufolge sind diese Zahlen für das Jahr 2002 noch höher.
Nachdem die USA ihre Lieferungen eingestellt haben, kommen inzwischen mindestens 70 Prozent des nordkoreanischen Öls aus China und ein Drittel seiner Getreide-Importe.
Chinas Einfluss auf Nordkorea wird jedoch oft überschätzt. Kim Jong Il reiste zwar mehrmals in seinem Privatzug nach China, zuletzt ins boomende Schanghai, doch gerade diese Reisen haben deutlich gemacht, wo Pekings Grenzen liegen:
Chinas Reformkommunisten wollen Kim schon seit Jahren dazu überreden, ihre Wirtschaftsreformen zu übernehmen, aber der "Geliebte Führer" bleibt störrisch.
Umgekehrt muss Pjöngjang erschreckt zusehen, wie seit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen 1992 das Verhältnis von China zu Südkorea aufblüht und wirtschaftlich längst das weitaus größere Gewicht in der Waagschale ist.
Offensichtlich kann Peking kein Interesse daran haben, dass Pjöngjang vor seiner Haustür mit Atomwaffen spielt, nicht nur, weil Kim Jong Il ein auch für China unberechenbarer Diktator ist, sondern auch deshalb, weil ein solches Szenario Kräften in Tokio Auftrieb gäbe, die die Bombe auch für Japan verlangen - eine Horrorvorstellung für China.
Peking hält sich zurück
Die Nordkorea-Krise ist für Peking potenziell weit gefährlicher als der Streit um den Irak. Dennoch hört man aus Peking nur vergleichsweise milde Erklärungen zum Thema. Beobachter fragen sich, ob China hinter den Kulissen größeren Druck ausübt oder ob es sich tatsächlich zurückhält.
Peking ist in keiner einfachen Lage, es muss jonglieren mit den verschiedensten Faktoren: Da sind die historischen Bande zu Pjöngjang, da ist die Stabilität auf der koreanischen Halbinsel, und da ist sein - noch junger - Anspruch, eine verantwortungsbewusste internationale Macht zu sein.
Unterschiede ziwschen China und den USA
Eins ist klar: Peking ist in vielen Dingen anderer Ansicht als Washington.
China will Kim Jong Il nicht zu Verzweiflungstaten treiben; es wünscht sich zudem zwar ein atomwaffenfreies Nordkorea, nicht aber den Zusammenbruch des Regimes. Von Wirtschaftssanktionen, von einem Aushungern hält man nichts.
Schon jetzt befinden sich bis zu 300 000 nordkoreanische Hungerflüchtlinge in Chinas Nordosten. "Sollen das etwa noch mehr werden?", fragt man sich in Peking.
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