China Ein Gigant treibt sich in die Ecke

Große Nationen fahren auf dem Mond spazieren, weil sie es können. Und China möchte allen zeigen, dass es eine große Nation ist. Nicht nur durch seine Mondmission, auch durch sein außenpolitisches Verhalten, das arrogant, provokativ und bedrohlich wirkt. Doch weiß die ehrgeizige Wirtschaftsnation, was sie damit aufs Spiel setzt?

Ein Kommentar von Kai Strittmatter, Peking

China will auf den Mond. In der Nacht zum Montag startete die Rakete Langer Marsch 3B; an Bord befindet sich ein Mondlandefahrzeug. Große Nationen fahren eben auf dem Mond spazieren, weil sie es können. Und China möchte allen zeigen, dass es eine große Nation ist. Oder vielmehr: dass es auf dem Weg dahin ist. Die USA hatten vor mehr als vier Jahrzehnten Menschen auf dem Mond, die Sowjetunion ihren Rover Lunochod. China hat also noch aufzuholen.

Das Land macht kein Geheimnis aus seinen Ambitionen. Der "chinesische Traum", den Partei- und Staatschef Xi Jinping träumt, ist der von der "Wiedergeburt der großen chinesischen Nation". Die sei China gegönnt. Schließlich waren eher die letzten 150 Jahre eines schwachen und oft gedemütigten China die Anomalie - über einen großen Teil der vergangenen zwei Jahrtausende hinweg war China die kulturell und wirtschaftlich mächtigste Nation der Erde gewesen.

Die große Frage ist: Wie genau will China da wieder hinkommen, auf den Thron alter Größe? Mit Blick auf China wird debattiert, ob der Aufstieg neuer Mächte nun unbedingt mit solchen Erschütterungen verlaufen muss wie der des deutschen Kaiserreiches, der am Ende in den Ersten Weltkrieg mündete. China gab sich viel Mühe, solch apokalyptische Szenarien zu entkräften. Deng Xiaopings Wirtschaftswunder wurde drei Jahrzehnte lang begleitet von außenpolitischer Vorsicht und Passivität. Das Motto dieser Periode hieß 'taoguang yanghui', "die Kapazitäten verstecken und auf Zeit spielen".

Wenn sich der Westen in all der Zeit Sorgen machen musste, dann meist über die Kraft der Charmeoffensiven, mit denen Peking andere Länder einzuwickeln suchte. Nun aber scheint eine neue Zeit angebrochen zu sein: Chinas Handeln bei den Territorialkonflikten im Süd- wie im Ostchinesischen Meer wird als arrogant, provokativ und bedrohlich empfunden.

Chinas Opferkomplex

Eigentlich ist Chinas riskantes Spiel verblüffend, denn eines ist klar: Das Land ist wirtschaftlich noch lange nicht da, wo es hin möchte. Es kann keinen Krieg wollen, denn es braucht international ein stabiles politisches Umfeld, um wirklich stark zu werden - nur so kommt China letztlich auf Augenhöhe zu den USA, dem Rivalen, der wieder mit Macht nach Asien drängt. Und die KP braucht das Wirtschaftswachstum, um sich Legitimität zu verschaffen. Dennoch rückt zum ersten Mal seit Jahrzehnten ein militärischer Konflikt wieder in den Bereich des Denkbaren, wächst die Gefahr einer ungewollten Eskalation. Was treibt Peking?

Der Konflikt mit Japan ist der gefährlichste. Es ist aber auch der am schwersten zu entwirrende wegen der historischen Verbrechen Japans in China, welche die KP dort clever benutzt, um den Opferkomplex im eigenen Volk zu schüren. Jede noch so kleine Handlung auf beiden Seiten ist emotional aufgeladen. Nationalisten in Japan wie in China treiben ihre Führer zur Kompromisslosigkeit. Aus chinesischer Sicht ist die Provokation mit der Luftverteidigungszone nur eine Antwort auf Provokationen Tokios vom vergangenen Jahr.

Aber die Führung in Peking treibt sich mehr und mehr in eine Ecke, aus der sie nur schwer wieder herauskommt, ohne sich von Chinas Nationalisten als schwach und feige angreifen zu lassen. Die andere Frage ist deshalb: Weiß Peking, was es da tut? Weiß es um die Gefahr der Eskalation?

Schwächen beim strategischen Denken

Ausländer schauen bei China oft nicht genau hin. Da ist zum einen die Diskrepanz zwischen der Außenwahrnehmung Chinas als unaufhaltsam aufsteigender Gigant - während gleichzeitig im Land selbst ein alles durchdringendes Gefühl der Krise herrscht. Die KP muss sich mit gewaltigen Problemen herumschlagen, und die Außenpolitik ist oft nur eine Funktion der Innenpolitik. Ziel Nummer eins der Partei aber ist die Festigung ihrer Herrschaft.

Die Größe Chinas hat sich Ziel Nummer eins unterzuordnen - Chinas Armee ist bis heute nicht dem Staat unterstellt, sondern der Partei. Zum anderen sind viele Beobachter nur allzu schnell bereit, Chinas Führern auch weltpolitisch eine strategische Genialität à la Sunzi ("Die Kunst des Krieges") und einen ausgetüftelten Masterplan für ihre Großmachts-Ambitionen zu unterstellen. In Wirklichkeit aber ist die Außenpolitik eine erstaunlich schwache und unter vielen Behörden und Institutionen zersplitterte Angelegenheit. Das allerdings macht die Gefahr einer Eskalation nur größer.

Letztlich ist die Zurschaustellung chinesischer Stärke auch ein Beispiel für schwaches strategisches Denken: Solche provokativen Schritte bewirken, dass die Nachbarn enger zusammenrücken - und enger an die USA. China organisiert den Schulterschluss gegen sich selbst.