SZ: Wie häufig werden Menschen in China von der Polizei geschlagen?

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Ai: Jeden Tag, vielleicht jede Sekunde. Wenn sie sich beschweren wollen, werden sie oft ein zweites Mal geschlagen. Manchen Menschen, die von ihrem Beschwerderecht Gebrauch gemacht haben, sind sogar die Beine gebrochen worden. Andere werden in Gästehäusern eingesperrt, die zu geheimen Gefängnissen umfunktioniert worden sind. In diesem Jahr feiert die Kommunistische Partei Chinas den 60. Geburtstag unseres Staates. Sie sonnt sich in ihrem eigenen Glanz. Aber alle Fairness, alle Gerechtigkeit sind für dieses System geopfert worden.

SZ: Was ist aus Tan Zuoren geworden?

Ai: Bei seinem Prozess wurden keine Zeugen zugelassen. Viele Beweise seines Anwalts wurden nicht zugelassen. Sie haben das Urteil noch nicht verkündet. Er ist immer noch in Haft.

SZ: Warum setzen Sie sich so ausdauernd für die in Sichuan ums Leben gekommenen Schulkinder ein?

Ai: Wir wissen, dass mehr als 5000 Kinder wegen der baulichen Mängel der Schulgebäude gestorben sind, und nicht allein wegen des Erdbebens. Ich habe eine Untersuchung begonnen. Viel zu lange schon wird das Leben einzelner Menschen in unserer Gesellschaft nicht wirklich ernst genommen. Mehr als zwanzig Mal hat die Polizei seitdem unsere freiwilligen Helfer festgenommen. Zwei sind auch geschlagen worden.

SZ: In Ihrer Ausstellung im Haus der Kunst in München setzen Sie sich auch mit dem Thema der Schulkinder von Sichuan auseinander.

Ai: Nur auf der Fassade. Dort wird ein Satz hängen, den mir eine Mutter aus Sichuan in einer E-Mail geschrieben hat, die Mutter der kleinen Yang Xiaowan, die bei dem Erdbeben starb. Sie schrieb mir, sie wolle bloß, dass man sich an ihre Tochter erinnere. "Sie hat sieben Jahre lang glücklich in dieser Welt gelebt."

SZ: Hat ein Künstler in einer Diktatur eine besondere gesellschaftliche Verantwortung?

Ai: Ich weiß nicht wie andere darüber denken. Mein gesellschaftlicher Standpunkt und mein Standpunkt als Künstler sind miteinander verknüpft. Ich hoffe, dass unsere Gesellschaft gerecht wird, dass alle gleiche Chancen haben. Und ich hoffe auch, dass jeder seine Meinung äußern kann. Ich möchte nicht ein Künstler sein, der sich nicht um solche Fragen kümmert. Wenn Sie in einer Diktatur leben, dann können Sie sich gar nicht anders verhalten, denke ich. Sie müssen sich wehren.

SZ: Sie benutzen für Ihre Aktionen intensiv das Internet und neue Online-Dienste wie "Twitter".

Ai: Vor drei Jahren hatte ich einen Blog, aber der wurde ein halbes Jahr lang vom Netz genommen. Da begann ich, Twitter zu nutzen. Derzeit benutze ich einen kleinen Online-Nachrichtendienst namens "zuo sa" (auf Deutsch: Was machst Du?")

SZ: In Deutschland gab es gerade einen kleinen Skandal wegen des Drucks aus Peking auf die Frankfurter Buchmesse. Es gibt das Argument, man solle besser den Dialog mit der chinesischen Regierung suchen, anstatt sie ständig zu kritisieren.

Ai: Ich bin sehr für Dialog. Aber dafür braucht man zwei Seiten.

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(SZ vom 17.09.2009/bica)