Chilenische Sekte Colognia Dignidad: Die Folter endet nie

Führungsleute der einstigen Sekte in Chile leben unbehelligt in Deutschland - trotz Urteilen und internationalem Haftbefehl. Deutsche Staatsanwaltschaft waren nie scharf auf den Fall.

Von Peter Burghardt, Hamburg

Der Arzt aus der Foltersekte wohnt wieder in ihrer Nähe, einfach so. Als ob es kein Entkommen gäbe. 37 Jahre lang litt Gudrun Müller in dem deutschen Gefangenenlager Colonia Dignidad in Chiles Süden, wo Männer wie Hartmut Hopp ein Regiment des Schreckens führten. 2005 gelang ihr die Flucht nach Deutschland - ihren kranken Mann Wolfgang plagte das Trauma Colonia noch, als er im vergangenen November neben ihr im Altenheim verstarb. Hopp dagegen lebt trotz eines internationalen Haftbefehls unbehelligt in Krefeld, seit er 2011 aus Südamerika geflüchtet ist. "Ein Wahnsinn, eine Sauerei", findet Gudrun Müller. "Er müsste hinter Schloss und Riegel sein."

Der Doktor leitete die Klinik der Colonia, auf deren riesigem Areal versklavt wurde, vergewaltigt, gequält und getötet. Er galt als Führungskraft in der Verbrecherbande des Kinderschänders Paul Schäfer. Aber er braucht sich hier nicht zu verstecken. "Hopp" steht an der Klingel einer unauffälligen Wohnung. Wenn dieser Mann möchte, dann kann er zum Beispiel ins Kino gehen, wenn in einer Woche der Spielfilm über die Colonia Dignidad anläuft. Der inzwischen 70-jährige Hopp ist zwar einer der Hauptverdächtigen des realen Thrillers, auch wenn er in der fiktiven Leinwandversion keine Rolle spielt. Doch es gibt ein Land, das die Verordnung von Interpol ignoriert und ihn bisher nicht festnimmt: Deutschland.

Nach außen sah alles putzig aus: Ein Musikensemble der Colonia Dignidad im Jahr 1991.

(Foto: AFP)

In Chile wurde Hartmut Hopp wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch 2011 zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Weitere Verfahren wegen Mordes, Entführung, Bildung einer kriminellen Vereinigung oder verbotenen Waffenbesitzes laufen oder verliefen im Sand. Vier ehemalige Mitstreiter wie Kurt Schnellenkamp und Gerhard Mücke sitzen in chilenischen Zellen, ihr Guru Schäfer starb dort 2010 im Gewahrsam.

Andere Kumpane flohen wie Hopp nach Alemania, hier lässt man sie in Ruhe. Die Bundesrepublik liefert keine Staatsbürger in Länder jenseits der EU aus. Ersatzweise soll Hopp seine Strafe nun in Deutschland verbüßen, darum bittet Chiles Oberster Gerichtshof. Die Krefelder Staatsanwaltschaft prüft seit einiger Zeit ein Vollstreckungsgesuch und ermittelt auch selbst wegen Missbrauchs und anderen Vorwürfen gegen Hopp. Immer wieder fragte die SZ bei den Staatsanwälten nach dem Stand der Dinge, eine Antwort kam selten. Deutsche Ermittler waren nie scharf auf den Fall. Es geht dermaßen langsam voran, dass man Gespenster sehen könnte.

Jetzt versucht sich die Colonia als gruseliger Freizeitpark

Der Skandal Colonia Dignidad dauert bereits mehr als ein halbes Jahrhundert. 1961 setzte sich der Laienprediger und angeklagte Päderast Paul Schäfer mit seiner Gemeinde aus Siegburg in die Anden ab. Hinter der Fassade teutonischer Wohltat und Gottesfurcht verging er sich an Hunderten Jungen. Und das war nur ein Teil des Grauens. In der "Kolonie der Würde" wurden Familien zerrissen, Regimegegner des Diktators Augusto Pinochet umgebracht und außer Brot oder Käse auch Kriegswaffen wie Giftgas produziert. Seit Schäfers Tod sind viele Colonia-Mitglieder in die alte Heimat zurückgekehrt, manche von ihnen haben sich am Niederrhein einem neuen Missionar angeschlossen. Der Rest hält die Stellung in der Colonia, die schon lange Villa Baviera heißt, Bayerisches Dorf, und sich als gruseliger Freizeitpark versucht.

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Die Justiz schont die Täter und missachtet die Opfer. Dabei stapeln sich die Akten. Zeugen berichteten von Schlägen, Elektroschocks und Psychopharmaka im Hospital. Gudrun Müller, 73, hat alles erlebt. Es heißt, Hartmut Hopp sei Herr über die Giftküche gewesen und habe wie Schäfer enge Kontakte zu Pinochet, dessen Geheimdienstchef Manuel Contreras und dem Waffenschieber Gerhard Mertins gepflegt. Mertins gründete den "Freundeskreis Colonia Dignidad", in der Colonia hing ein Foto von Franz Josef Strauß an der Wand. Hopp hatte in den USA und Chile Medizin studieren dürfen, er wurde zu einem von Schäfers treuesten Spießgesellen.

Die zuständige Bonner Staatsanwaltschaft hat wertvolle Zeit verstreichen lassen

1988 fand eine Anhörung vor dem Bundestag statt. Als Hopp aussagen sollte, verschwand er wieder ungestört nach Chile - die Colonia Dignidad, auch mutmaßlicher Hort von Waffenschmuggel und Militärgeheimnissen, wurde damals offenkundig gedeckt. "Es gab eine schützende Hand der Politik", sagt die Anwältin Petra Schlagenhauf. Sie erstattete 2011 für das European Center for Constitutional and Human Rights in Berlin zusätzliche Strafanzeige gegen Hopp, unter anderem wegen Mordes und schwerer Körperverletzung durch Medikamente. Die früher zuständige Bonner Staatsanwaltschaft hatte wertvolle Zeit verstreichen lassen und ihre lustlosen Untersuchungen irgendwann eingestellt. Die Kollegen aus Krefeld übernahmen.

Es bräuchte juristischen Ehrgeiz, zumal die Verbrechen weit weg begangen wurden und lange zurückliegen. Nur Mord verjährt nicht. Außerdem sterben immer mehr Deutsche und Chilenen, die viel über die Colonia wissen. Wichtige Dokumente sind Staatsgeheimnis. "Faktisch gibt es nichts Neues", sagt am Telefon der Krefelder Oberstaatsanwalt Axel Stahl. Er warte auf Rechtshilfe aus Chile. Den fertigen chilenischen Vollstreckungsantrag für Hopp hat er noch nicht beim Landgericht eingereicht. Solche Verzögerungen steigern den Frust derer, die Aufklärung fordern.

Die damalige chilenische Senatorin Ximena Rincón hatte schon nach Hopps Flucht vor fast fünf Jahren Bundestagspräsident Norbert Lammert um Hilfe gebeten. Hopp, daran erinnerte sie, sei "nicht irgendein Flüchtling. Er ist eine der Führungspersonen eines Geländes, auf dem ein Folterzentrum betrieben wurde."

Die Trägheit der Ermittler erinnert an der zähe Verfolgung der Altnazis

Wieso kommt in diesem Krimi so wenig voran? Die Trägheit erinnert an die zähe Verfolgung von alten Nazis, von denen etliche nach Südamerika flohen und manche auch in der Colonia waren. "Es gibt von beiden Seiten kein Interesse", sagt Jan Stehle. "Letztendlich hat Deutschland nie etwas gemacht, das ist verdächtig." Stehle forscht seit Jahren für seine Doktorarbeit mit dem Titel "Deutsche Außenpolitik und Menschenrechte - der Fall Colonia Dignidad." Rechercheure wie er und Juristen wie Hernán Fernández und Winfried Hempel helfen, dass das Interesse wachgehalten wird. Der frühere Colonia-Bewohner Hempel will gegen Deutschland und Chile auf Schadenersatz in Millionenhöhe klagen.

Mittlerweile ist die einstige Folterstätte ein bizarrer Freizeitpark.

(Foto: Claudio Reyes/AFP)

Das Auswärtige Amt förderte die Villa Baviera alias Colonia Dignidad und ihren makaberen Tourismus ohne Schäfer lange mit 250 000 Euro im Jahr. Jetzt unterstützt Staatsgeld immerhin das Gedenken an die Opfer. Aktivisten wie Jan Stehle wollen ein Museum auf dem Terrain der Colonia durchsetzen und veranstalten Konferenzen. Eine Entschädigung haben die ausgebeuteten Seelen bisher kaum bekommen. Obwohl verborgene Konten und Immobilien der Colonia vermutet werden. Mit Zwangsarbeit und Waffen dürften Vermögen verdient worden sein. Gudrun Müller hat gehört, dass Hartmut Hopp Hartz IV bezieht, aber von einem Staranwalt vertreten wird. Wenigstens könnte der Film nun den öffentlichen Druck steigern. "Ich will da jetzt Dampf machen", sagt Gudrun Müller. Für eine Aussage bei Krefelds Staatsanwaltschaft wäre sie jederzeit bereit.