Von Sebastian Schoepp

In Chile sind angeblich Verschwundene als Betrüger aufgeflogen und ihre Familien zu Unrecht entschädigt worden - Pinochets Anhänger nutzen das im Wahlkampf.

Juan Manuel Bertoló war ein kleiner Straßenjournalist in der chilenischen Hafenstadt San Antonio, der sich das Schreiben selber beigebracht hatte, um der Armut zu entkommen.

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Tausende Menschen verschwanden während der Pinochet-Diktatur in den Folterkellern der Geheimpolizei. (© Foto: Reuters)

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Er interviewte Hafenarbeiter, Fischer und Jugendliche und schrieb manchmal Kolumnen über soziale Missstände. Das machte ihn während der Diktatur Augusto Pinochets politisch verdächtig. Kurz vor deren Ende, am 10. Februar 1990, starb Bertoló auf einer Polizeiwache. Er galt fortan als Opfer der Diktatur.

Seine Lebensgefährtin erhielt nach dem Übergang Chiles zur Demokratie eine Entschädigung. Sehr wahrscheinlich zu Unrecht, wie sich jetzt herausstellte. Nach mehreren Betrugsfällen dieser Art fordert Chiles konservative Opposition nun eine Neubewertung der Vergangenheit.

Bertolós Tochter Solange erklärte einem Fernsehsender, ihr Vater sei nicht etwa an Misshandlungen durch die Polizei gestorben, sondern an einem Herzinfarkt, den er im Suff auf einer Parkbank erlitten habe. Das habe sie bereits 1994 zu Protokoll gegeben, allerdings habe es niemanden interessiert. Weil es nicht ins politische Bild gepasst habe, schäumt Chiles Rechte, in der viele dem 2006 verstorbenen Diktator Pinochet die Treue halten.

Von acht Betrugsfällen will die Opposition erfahren haben. Für sie ist das eine Gelegenheit, das Ausmaß der Menschenrechtsverletzungen in der Diktatur in Frage zu stellen. Laut offizieller Zahlen wurden 3195 Menschen zwischen 1973 und 1990 erschossen oder zu Tode gefoltert, mehr als tausend gelten noch als vermisst. Der frühere stellvertretende Heeresgeneral Guillermo Garín sagte nun, die neuen Beweise zeigten, dass man sehr wohl anzweifeln dürfe, was gesagt werde über die Verschwundenen. Pinochet sei "faktisch unschuldig".

Die Mitte-Links-Regierung hat mittlerweile drei Fälle bestätigt, in denen Verschwundene zu Unrecht als Diktatur-Opfer bezeichnet wurden. Carlos Patricio Rojas Campos war Kommunist und verschwand 1977 - auf der Höhe der Repression. Sein Name taucht in der Liste der Opfer auf, mit der der spanische Richter Baltasar Garzón 1998 den internationalen Haftbefehl gegen Augusto Pinochet rechtfertigte.

Hoffnung der Konservativen

Doch in Wirklichkeit hatte Rojas die ganze Zeit im argentinischen Buenos Aires gelebt und dort eine neue Familie gegründet. Im Falle des Gewerkschafters Edgardo Ivan Palacios stellte sich heraus, dass der nicht in einem Folterkeller, sondern 2006 als Penner auf der Straße gestorben war. Auch Emperatriz del Tránsito Villagran stand auf der offiziellen Verschwundenenliste, dabei war sie schon 1955 gestorben, 18 Jahre vor Beginn der Diktatur.

Eine Kommission der Regierung soll nun feststellen, ob es weitere Betrugsfälle gab. Regierungssprecher Francisco Vidal kündigte lückenlose Aufklärung an. Die offizielle Liste der Verschwundenen, die sogenannte Rettig-Studie, soll womöglich neu aufgerollt werden.

Präsidentin Michelle Bachelet, selbst Tochter eines von der Diktatur ermordeten Generals, stellte jedoch klar: "Wir werden nicht zulassen, dass diese Fälle die historische Wahrheit in Zweifel ziehen". Sie werde nicht erlauben, dass sich nun "einige der Missbrauchsfälle bemächtigten und mit dem Leid der Familien Verschwundener spielen, um einen Vorteil zu erzielen", sagte die Sozialistin.

Worin der Vorteil bestehen könnte, liegt auf der Hand. 2009 steht die Präsidentschaftswahl an und die Konservativen machen sich Hoffnungen, die glücklose Bachelet aus dem Amt zu drängen. Die Vergangenheitsbewältigung und die Aburteilung vieler Schergen war eines der Themen, bei denen sie hatte punkten können.

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(SZ vom 31.12.2008/cag)