Nach der Rettung der verschütteten Bergarbeiter feiert Chile sich selbst. Das Land vergisst darüber seine drängendsten politischen Probleme. Der steinreiche Präsident Sebastián Piñera herrscht über potemkinsche Dörfer.
Die Welt ist zu Recht hingerissen von Chiles Husarenstück; die Rettung der 33 Bergleute aus der Mine San José war ein sagenhafter Triumph. Hunderte Millionen Zuschauer erlebten, wie sich zuvor unbekannte Männer auf dem Weg aus der Tiefe ans Licht von Höhlenmenschen zu Medienstars verwandelten. Die wundersame Einöde der Atacama-Wüste wurde zum Schauplatz einer technischen Glanzleistung. Die Bergungsmannschaften setzten internationale Maßstäbe. Der chilenische Präsident Sebastián Piñera hat viel investiert und viel gewonnen. Der Imagegewinn ist unbezahlbar, er wird ihn in der kommenden Woche auch mit auf seine Dienstreise nach Deutschland nehmen.
Bild vergrößern
Konfetti und rot-weiß-blaue Fahne: Bergarbeiter Mario Gomez feiert seine wiedergewonnene Freiheit. Doch die Probleme Chiles verschwinden auch im nationalen Taumel nach der Rettung von San Jose nicht. (© dpa)
Anzeige
Doch der schöne Schein trügt. Chiles innere Widersprüche sind überall zu besichtigen. Das Land hat schicke Autobahnen und Einkaufszentren. Wer die Hauptstadt Santiago mit dem Flugzeug erreicht, der scheint in München zu landen, so modern wirkt die südamerikanische Republik auf den ersten Blick. Haupteigner der wichtigsten Fluglinie (Lan) war bis vor kurzem praktischerweise der heutige Staatschef Piñera.
Aber in seiner Heimat stehen zahlreiche potemkinsche Dörfer. Die Kumpel verunglückten unter katastrophalen Arbeitsbedingungen. Und die Regionalhauptstadt Copiapó ist vor allem an ihren Rändern erstaunlich armselig - wenn man bedenkt, welche Reichtümer unter ihr liegen. Auch im Süden stößt der Besucher oft auf miserable Bretterbuden und Menschen, die schlecht zum Anschein des Wirtschaftswunders passen. Die Mapuche-Ureinwohner liegen mit der Regierung im Clinch, weil sie die Grundstücke ihrer Vorfahren zurückhaben wollen und sich in Chile missachtet fühlen. Sie bekamen für ihren Hungerstreik nicht halb so viel Aufmerksamkeit wie die Bergleute. Das Erdbeben vom Februar hat viele Familien um ihre Existenz gebracht, während des Minendramas erinnerte sich kaum mehr jemand daran.
Manche Probleme haben natürliche Ursachen: Das schmale Land reicht von der Wüste bis zu Gletschern, oft unwegbar, vielerorts unfruchtbar. Daneben steht aber auch eine einseitige Wirtschaftspolitik: Zwar gilt das Wachstum der vergangenen Jahre als Erfolg, aber bei der Einkommensverteilung liegt die Nation weit hinten, in der Nähe von Simbabwe. Die staatliche Kupferindustrie nährt eine hochgerüstete Armee, aber die Arbeiter können sich trotzdem die meist privaten und teuren Schulen und Krankenhäuser nicht leisten.
Nach dem Putsch von Augusto Pinochet wurde das neoliberale Modell installiert, und die sozialistischen Regierungen haben nach der Rückkehr zur Demokratie daran wenig geändert. Der steinreiche Unternehmer Piñera ist der erste konservative Präsident seit Jahrzehnten und ein Prototyp des Systems. An der Mine San José hat er sich um die Herzen der Chilenen bemüht - und gleichzeitig fast überrascht entdeckt, dass das Land den Staat braucht. Es sollte ihm eine Lehre sein.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
- Bergung der Kumpel in Chile Der Haken an der Inszenierung 14.10.2010
- Rettung in Chile: Presseschau "Gott ist ein Kumpel" 14.10.2010
- Rettung der Bergarbeiter Viva Chile! 14.10.2010
- China Explosion in Bergwerk - Kumpel verschüttet 16.10.2010
- Minenunglück in Chile 33 Kumpel, ein Freund 15.10.2010
(SZ vom 16.10.2010/jab)