Chef der CDU-Mittelstandsvereinigung Der Unterschätzte

Carsten Linnemann, Chef der Mittelstandsvereinigung der Union.

(Foto: picture alliance / dpa)

Bei seiner Wahl galt er als politisches Leichtgewicht, doch Carsten Linnemann hat sich als Chef der CDU-Mittelstandsvereinigung Respekt verschafft. Im Streit um die kalte Progression hat er gegen die Parteispitze einen Erfolg erzielt.

Von Robert Roßmann

Die CDU brüstet sich gern damit, die Partei Ludwig Erhards zu sein. Im Präsidiumszimmer der CDU-Zentrale steht eine Büste des Kanzlers der sozialen Marktwirtschaft. Doch im christdemokratischen Diesseits gibt der Wirtschaftsflügel der Partei ein jämmerliches Bild ab. Seine Protagonisten wirken fast ausnahmslos wie aus der Zeit gefallene Männer ohne Macht und Mumm. Umso erstaunlicher ist Carsten Linnemann.

Als der Paderborner vor gut einem Jahr zum Chef der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung (MIT) gewählt wurde, musste er manchen Spott ertragen. Er galt als politisches Leichtgewicht. Weil er zudem vergleichsweise jung und von schmächtiger Statur ist, sprachen manche sogar vom "Linnemännchen". Verglichen mit ihm schien selbst der damalige Wirtschaftsminister Philipp Rösler die Anciennität eines Helmut Schmidt zu haben. Doch Linnemann wurde offenbar genauso unterschätzt wie sein heimatlicher Fußballverein, der SC Paderborn. Die Ostwestfalen sind dieses Jahr in die erste Bundesliga aufgestiegen. Über den SC macht niemand mehr Witze - und über Carsten Linnemann auch nicht mehr. Der 37-Jährige hat es geschafft, der Spitze der Bundes-CDU um Angela Merkel und Wolfgang Schäuble vor dem Parteitag in Köln ein Entgegenkommen beim Abbau der kalten Progression abzutrotzen.

Mit erstaunlichem Geschick hatte Linnemann zuvor ein breites Bündnis geschmiedet: Der Arbeitnehmer- und der Wirtschaftsflügel der CDU sind nicht unbedingt dafür bekannt, immer Seit' an Seit' zu schreiten - jetzt aber kämpften sie gemeinsam für den Abbau der heimlichen Steuererhöhung bei Lohnerhöhungen. Auch um des lieben Friedens willen musste die Parteiführung am Montagabend nachgeben.

Diplomatie statt ständiger Attacken

Linnemanns Vorgänger an der Spitze der MIT, Josef Schlarmann, hatte den Wirtschaftsflügel mit ständigen Attacken auf die Kanzlerin ins Abseits manövriert. Linnemann ist es gelungen, die Vereinigung wieder zu einem ernst genommenen Akteur zu machen. Dabei hilft ihm neben diplomatischem Geschick auch seine freundlich verpackte Beharrlichkeit. Damit hat er es bereits geschafft, die Flexi-Rente auf die Agenda der großen Koalition zu setzen.

Linnemann kämpft meistens in enger Abstimmung mit Jens Spahn, dem zweiten Rebellen dieses Parteitags. Der 34-jährige Gesundheitsexperte tritt bei der Präsidiumswahl an, obwohl ihn sein Landesverband Nordrhein-Westfalen nicht nominiert hat. Zum ersten Mal seit Jahren haben die Delegierten deshalb eine Auswahl. Linnemann hat dafür gesorgt, dass Spahn auf dem Parteitag von der Mittelstandsvereinigung unterstützt wird. Dieser forciert dafür die Themen des Wirtschaftsflügels.

Die beiden waren schon auf dem letzten CDU-Parteitag Anfang April in Berlin aufgefallen. Damals trauten sich nur drei der 1000 Delegierten ans Pult, um gegen die Rentenbeschlüsse der Koalition zu protestieren. Unter den dreien waren Spahn und Linnemann.