Charta der Vertriebenen Manifest mit Makeln

Kein Wort von Versöhnung: Vor 60 Jahren verkündete der Bund der Vertriebenen seine Charta - Erika Steinbach will das Datum zum nationalen Gedenktag machen.

Von Robert Probst

Der Termin war mit Bedacht gewählt. "Über der Tribüne leuchtet eine große Karte von Deutschland, auf der die verlorenen Ostgebiete mit schreiendem Rot markiert sind. ,Fünf Jahre Potsdam!' ruft es von dem Riesenplakat und von den Transparenten, die über den Köpfen von Zehntausenden auf dem Schloßplatz schweben, kommt es zurück: ,Gebt uns unsere Heimat wieder!'".

So beschrieb die Süddeutsche Zeitung den "Tag der Heimat" am 6.August 1950 in Stuttgart, den Tag, an dem die "Charta der deutschen Heimatvertriebenen" proklamiert wurde. Anfang August 1945 hatten die Alliierten auf der Konferenz von Potsdam beschlossen, die Gebiete östlich von Oder und Laußitzer Neiße bis zu einem Friedensvertrag unter polnische und sowjetische Verwaltung zu stellen. Etwa 14 Millionen Menschen deutscher Herkunft verloren 1944 bis 1948 im Zuge der Niederlage des NS-Regimes ihre Heimat.

Der 60. Jahrestag wird an diesem Donnerstag mit einem Festakt gewürdigt. Zudem hat die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach, wieder vorgeschlagen, den 5. August - den Tag der Unterzeichnung der Charta - zum nationalen Gedenktag für die Opfer von Vertreibungen zu machen. Das Stuttgarter Manifest bildet nach wie vor die Wertegrundlage des BdV.

Und gerade deshalb wird der Rückblick nicht von aktuellen Problemen ablenken können: Um die Aussagen zweier Mitglieder des BdV im Rat der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" tobt gerade ein heftiger Streit, die Vorwürfe lauten Relativierung der NS-Verbrechen und Revanchismus. Umso deutlicher gerät der Makel der Charta wieder ins Bewusstsein: Dort werden die NS-Verbrechen mit keinem Wort erwähnt. Nicht die Vertreibung der Juden aus dem Reich nach 1933, nicht die brutale Niederwerfung zahlloser europäischer Länder, nicht der Vernichtungskrieg im Osten und ebenfalls nicht der Holocaust.

Verzicht auf Rache

Aufgrund des spannungsgeladenen Zusammenlebens mit den Alteingesessenen forderten die 30 Vertreter der ostdeutschen Landsmannschaften 1950 eine gerechte Verteilung der Kriegslasten und die Integration der Vertriebenen in den Arbeitsmarkt und vor allem: "Gleiches Recht als Staatsbürger nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch in der Wirklichkeit des Alltags".

Gleichzeitig wurde in dem Dokument das Versprechen gegeben, die Vertriebenen wollten durch "harte, unermüdliche Arbeit teilnehmen am Wiederaufbau Deutschlands und Europas". Ziel sei zudem die "Schaffung eines geeinten Europas, in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können".

Den Kern der Charta aber bildete der Satz: "Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung." Das klingt Kritikern doch allzu sehr danach, als hätten die Betroffenen ein Recht auf Vergeltung gehabt.

Auch das Wort Versöhnung kommt nicht vor; 1950 ging es vielmehr um die Anerkennung des "Rechts auf Heimat als eines der Grundrechte der Menschheit". Und die Charta forderte mehr: "Die Völker der Welt sollen ihre Mitverantwortung am Schicksal der Heimatvertriebenen als der vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffenen empfinden."