Charlotte Roche und der Castor "Wie grabende Erdmännchen"

Als Demo-Neuling ist Charlotte Roche ins Wendland gereist - und hatte zuvor zum Schottern aufgerufen. Nun erzählt die Autorin, was sie auf die Straße trieb, was sie im Wendland erlebte und warum der Atommüll in Deutschland bleiben muss.

Interview: Barbara Vorsamer

Bekannt wurde Charlotte Roche als Moderatorin der Musiksendung Fast Forward bei Viva, danach sorgte ihr Roman Feuchtgebiete für Aufsehen und riesige Auflagen. Dass die 1978 in England geborene Roche nun gegen die Castor-Transporte demonstriert und sich in Interviews äußert, gefällt nicht allen. Die Bild-Zeitung und die FAZ kritisierten etwa, Roche liefere keine Belege für ihre These, dass viele Polizisten nach dem Castor-Einsatz an Leukämie erkranken würden. Roche lebt in Köln und ist Mutter einer Tochter.

Die zweite Demo ihres Lebens: Autorin Charlotte Roche am Wochenende im Wendland.

(Foto: dapd)

sueddeutsche.de: Frau Roche, wie war es im Wendland?

Charlotte Roche: Ich war das erste Mal da, meine Eindrücke sind also total jungfräulich. Am Freitagabend bei meiner Ankunft wirkte das Wendland auf mich wie ein Kriegsgebiet - überall war Polizei. Alle paar hundert Meter gab es Kontrollen und es hieß: "Aussteigen, Ausweis zeigen, Kofferraum auf!" Das Auto wurde durchsucht und sie haben einem mit der Taschenlampe ins Gesicht geleuchtet. Gerade deswegen habe ich für mich beschlossen, immer sehr freundlich zu Polizisten zu sein, egal wie diese mich schikanieren.

sueddeutsche.de: Haben Sie gewalttätige oder eskalierende Situationen erlebt?

Roche: Nein, ich habe nur die Bilder im Fernsehen gesehen, wie Schotterer gewaltsam entfernt wurden. Das fand ich schrecklich.

sueddeutsche.de: Sie selbst haben im Vorfeld zum "Schottern" aufgerufen, also dazu, die Steine aus dem Gleisbett zu entfernen ...

Roche: Absolut. Ich habe allerdings nicht zum Schottern aufgerufen, sondern nur gesagt, dass ich selbst schottern werde. Aufgerufen habe ich hingegen zu jeder Art von friedlichem Protest: Zur Teilnahme an Kundgebungen, zum Mitmachen, Decken vorbeibringen, Musik machen, Trecker fahren und zum auf der Straße parken und Schlüssel verlieren. Ich bin absolut gegen die Kriminalisierung des friedlichen Widerstands.

sueddeutsche.de: Schottern gilt aber nicht als friedlicher Widerstand, sondern als Sachbeschädigung. Politiker wie Bundeskanzlerin Angela Merkel wollen, dass strikt dagegen vorgegangen wird. Warum sagen Sie, Schottern ist okay?

Roche: Ich habe das Gefühl, dieser kriminelle Turbobeschluss im Bundestag war alles andere als rechtsstaatlich! Was die Regierung bei den Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke beschlossen hat, ist viel schlimmer, als wenn da jemand ein paar Steine wegräumt. Allerdings ist für mich wichtig - und das können Sie in meinem Aufruf zum Schottern nachlesen - dass die Steine nicht fliegen. Wenn jemand mit nackten Händen Steine wegschaufelt wie ein grabendes Erdmännchen, dann ist das friedlich und absolut legitim.

sueddeutsche.de: Haben Sie auch selbst geschottert?

Roche: Nein, ich war gar nicht zu Fuß am Gleis, das habe ich mich nicht getraut. Um dieses Gleis ist so ein Hype. Ich bin aber solidarisch mit allen, die sich getraut haben. Als ich am Freitag in Köln losgefahren bin, habe ich das gar nicht verstanden und mir gedacht: Das ist doch total einfach - wir gehen einfach alle zusammen ans Gleis und machen es kaputt. Doch wenn man vor Ort ist und diese unglaubliche Polizeipräsenz sieht, merkt man erst, wie schwierig der Widerstand ist. So leicht kommt man gar nicht hin, an das Gleis.