CDU Verloren in der großen Stadt

Die alte Volkspartei kommt dem Volk nicht mehr hinterher: Die verlorene Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart zeigt, dass die CDU, die Partei der Heimatliebe, in wichtigen Teilen ihres Landes nicht mehr daheim ist. In den Metropolen fehlt ihr sowohl Personal als auch Konzept.

Ein Kommentar von Roman Deininger, Stuttgart

Fritz Kuhn trug seine Haare früher in einem halbwegs verwegenen Bürstenschnitt, das war seine wildeste Phase. Er hat damals schon niemandem Angst gemacht. Trotzdem glaubte die CDU nun im Stuttgarter Oberbürgermeister-Wahlkampf, die guten Schwaben vor einem grünen Schreckensmann warnen zu müssen, der Porsche und Mercedes von den Straßen verbannt. Die Idee war wesentlich verwegener als Kuhns alte Frisur. Sie ist dann auch nicht aufgegangen: Der Bildungsbürger Kuhn, der die Haare längst glatt hat, wird der erste grüne OB einer deutschen Landeshauptstadt.

Die Stuttgarter haben sich gegen das Experiment entschieden und für das Gewohnte. Das Experiment wäre Sebastian Turner gewesen, der parteilose Quereinsteiger, den die CDU ins Rennen schickte. Das Gewohnte war der grüne Ober-Realo Kuhn - so weit ist es schon gekommen in Baden-Württemberg, dem politischen Labor der Republik. Die Grünen haben sich dort in drei Jahrzehnten zu den Fahnenträgern eines aufgeklärten Konservatismus entwickelt. Sie sitzen schon lange in den Rathäusern in Freiburg und Tübingen, und entgegen ursprünglicher Befürchtungen gibt es dort weiter warmes Wasser und elektrischen Strom.

Das Bürgertum wurde also nicht geschlagen am Sonntag in Stuttgart. Es hat sich nur neue politische Vertreter gesucht. Angst macht der Sponti-Spießer Kuhn höchstens den Kneipenbetreibern, die er künftig zwingen will, noch nachts zusammenzukehren. Und natürlich der Südwest-SPD, die bis auf Weiteres bestenfalls den Mehrheitsbeschaffer der Grünen spielen darf. In anderen Städten, in anderen Ländern verhindern übrigens zwei Faktoren eine grüne Kulturhegemonie: stärkere Rote und linkere Grüne.

Die spezifisch schwäbischen Verhältnisse

Als Winfried Kretschmann im vergangenen Jahr Ministerpräsident wurde im Südwesten, hatten die Grünen viel zu gewinnen, aber vielleicht noch mehr zu verlieren. Die Schwarzen waren sich ziemlich sicher, dass die Frischlinge stolpern würden bei ihren ersten Schritten in der Welt der Verantwortung. Aber sie stehen immer noch. Gestolpert und gefallen ist dagegen die CDU bei ihrem zunehmend verzweifelten Versuch, den grünen Siegeszug zu stoppen. Die Idee, mit Turner über die Stammwählerschaft hinauszublicken, war keine schlechte. Sie ist auch am ausstrahlungsarmen Kandidaten gescheitert und an den spezifisch schwäbischen Verhältnissen. Vor allem aber ist sie daran gescheitert, dass die Christdemokraten ihrer eigenen Courage nicht trauten.

Der graue Turner ist vielen Schwarzen fremd geblieben. Als sich nach dem ersten Wahlgang seine Niederlage abzeichnete, kehrte die CDU zurück zum Lagerwahlkampf alten Stils. Ungeachtet der Tatsache, dass es diese Lager so gar nicht mehr gibt. Dafür viele mündige, pragmatische Wähler, für die es durchaus Sinn macht, bei der Volksabstimmung über Stuttgart 21 für den Tiefbahnhof zu stimmen - und ein knappes Jahr später bei der OB-Wahl für den Tiefbahnhofsskeptiker Kuhn. Die CDU ist von diesem selbstbewussten neuen Bürger-Typus bislang überfordert. Und das nicht nur in Stuttgart.

Wenn die Wellen der Veränderung wirklich von den Großstädten aus übers Land rollen, muss die CDU darauf gefasst sein, bald bis zum Hals im Wasser zu stehen. Die alte Volkspartei kommt dem Volk nicht mehr hinterher; die Partei der Heimatliebe ist in wichtigen Teilen ihres Landes nicht mehr daheim. Sie hält nur noch drei Landeshauptstädte. In den Metropolen fehlt ihr alles: Personal und Konzept. Es wirkt eher wie Zufall, wenn mal ein Schwarzer die neue Buntheit der Gesellschaft repräsentiert wie in Hamburg einst Ole von Beust. Und wenn ein CDU-Mann mal ein gutes Konzept hat für Integration, Kinderbetreuung und andere urbane Bedürfnisse, wie der scheidende Stuttgarter OB Wolfgang Schuster: dann fehlt ihm die Lust, das einhergehende Lebensgefühl zum Gefallen der Wählerschaft auch zu verkörpern.

Die CDU muss nun nicht die Speerspitze des Hipstertums werden, sie muss nicht mal alles mögen, was in städtischen Milieus so als Szene und Kultur durchgeht. Aber eine Spur Neugier würde schon helfen. Die Partei bräuchte ein bisschen weniger Hermann Gröhe und ein bisschen, nur ein bisschen mehr Boris Johnson. Und sie bräuchte ein souveränes Bewusstsein dafür, dass die Reibung von Traditionalisten und Modernisierern den Markenkern einer Volkspartei nicht gefährdet, sondern schärft.

Es ist ja nicht so, dass die CDU sich nicht schon wandeln würde, mit der Abschaffung der Wehrpflicht oder der Abkehr von der Hauptschule. Sie wird aber, zumal in den Großstädten, nicht dafür belohnt werden, solange sie sich dafür schämt.