Ein Kommentar von Heribert Prantl

Nur eine Minderheit verlangt von der Kanzlerin eine konservative Haltung. Viele wünschen sich überhaupt eine Haltung. Deren Absenz ist Kern der Irritationen in der CDU.

Stellen wir uns einen Leitartikel lang vor, dass nicht mehr Angela Merkel an der Spitze der CDU steht. Stellen wir uns vor, die CDU-Vorsitzende sei abgelöst worden von Joachim Kardinal Meisner, dem Erzbischof von Köln.

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Kanzlerin Merkel - ihre Politik ist durchaus "schwarz". (© Foto: Reuters)

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Meisner klagt gern über die Verworfenheit von Zeit und Welt, er kritisiert den rechtlichen Schutz der Homosexuellen, er protestiert gegen die eingetragenen Lebenspartnerschaften. Ihm ist alles suspekt, was dem "natürlichen Sittengesetz" widerspricht.

Die Familienpolitik der Bundesregierung bezeichnet er als "Scheckbuchpolitik", multireligiöse Feiern an Schulen hat er verboten. In einer Dreikönigspredigt hat er Parallelen hergestellt zwischen dem Schwangerschaftsabbruch und dem Holocaust. Und auch bei der Beurteilung von Kunst ist Meisner rigoros. Wenn Kultur von Gottesverehrung abgekoppelt wird, sagt er, "verliert sie ihre Mitte" und sei "entartet".

Mehr Meisner, weniger Merkel? Kein Mensch würde dann noch behaupten können, die CDU wäre zu wenig konservativ. Die CDU würde allerdings dann, wie der Politologe, frühere RCDS-Vorsitzende und Merkel-Biograph Gerd Langguth meint, an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern. Das mag ein wenig übertrieben sein. Als eine Art "Partei bibeltreuer Christen" wäre die CDU aber gewiss nicht mehr Volkspartei. Sie wäre auch dann nicht mehr lange Volkspartei, wenn sie sich betont national-konservativ gebärden würde, wenn sie also einen wie Thilo Sarrazin zu ihrem neuen Dregger-Lummer-Kanther machen und mit anzüglichen Sprüchen gegen die Neubürger im Land agitieren würde.

Die CDU war nie eine rein nationalkonservative Partei, sie war nie eine rein klerikale Partei und sie war nie eine rein wirtschaftsliberale Partei. Sie war immer, mit wechselnden Schattierungen und Schwerpunkten, eine multipolitische Partei.

Die CDU hat in den fünfziger und sechziger Jahren einen großen Teil des Bürgertums zur Demokratie geführt und dort gehalten. Zum ersten Mal in der deutschen Parteiengeschichte existierte in Deutschland eine politische Bewegung, die konservativ-nationale, christlich-soziale und bürgerlich-liberale Elemente in einer großen Volkspartei vereinte.

Natürlich gab es viele Jahre, in denen die Union viel ideologischer war als heute. Es war die Zeit, in der ein Franz Josef Strauß Wahlkampf machte mit dem Motto "Freiheit statt Sozialismus".

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