CDU: Lengsfeld wie Merkel Das politische Dekolleté

Ihre Partei habe mehr zu bieten, glaubt die Berliner CDU-Bundestagskandidatin Vera Lengsfeld - und wirbt mit tiefen Einsichten bei sich und der Kanzlerin. Vorbau statt Überbau?

Von Thorsten Denkler, Berlin

Es gebe "kein besseres Mittel gegen Depressionen" als den Busen, merkte einst der französische Arzt Dominique Gros an. Er war ein ausgewiesener Fachmann auf dem Gebiet - und hat zwei viel beachtete Fachbücher über die weibliche Brust geschrieben.

Wenn die ständigen Misserfolge der CDU im Berliner Wahlbezirk Friedrichshain-Kreuzberg womöglich Depressionen auslösen, dann hat die christdemokratische Direktkandidatin Vera Lengsfeld ganz in Gros'scher Tradition jetzt zur Selbsthilfe gegriffen.

Als Anti-Depressiva in den Medien wirken sollen ihr eigener Busen - und vor allem der der Kanzlerin.

Angela Merkel hatte im April 2008 bekanntlich für helle Aufregung gesorgt, weil sie der Eröffnung der Osloer Oper in einem für manche atemberaubend tief geschnittenen Abendkleid der Berliner Designerin Anna von Griesheim beiwohnte. Das Bild vom Dekolleté der Kanzlerin ging um die Welt. Die Frau, die das Wesen des Hosenanzugs in der politischen Welt neu definiert hatte, zeigte in Norwegen so viel Weiblichkeit, wie es bei ihr weder vorher noch nachher je wieder zu besichtigen war.

Vera Lengsfeld, DDR-Bürgerrechtlerin der ersten Stunde, hat sich an das Kanzlerinnen-Dekolleté erinnert und eine Plakatidee daraus entwickelt. Sie ließ sich mit ähnlich tiefem Ausschnitt ablichten - und ihr Foto neben das der Kanzlerin im Osloer Gewand montieren.

Die tiefsten Punkte beider Dekolletés sind mit einem halbtransparenten, orangefarbenen Streifen nur spärlich überdeckt. Rechts unten prangt das CDU-Logo. Die Zeile dazu: "Vera Lengsfeld - Wir haben mehr zu bieten. CDU."

Das Plakat hängt seit dem Sonntag in 750-facher Ausfertigung in Lengsfelds Wahlbezirk. Auf ihrer Internetseite waehlt-vera.de ist bereits eine erhitzte Debatte im Gange.

"Sind Sie völlig verrückt geworden? Mit solchen Plakaten haben Sie sich selbst für irre erklärt", schreibt ein User namens Daniel. Und ein Thomas kommentiert: "Liebe Frau Lengsfeld, entweder hat ihre Agentur Sie kräftig verarscht, oder aber Sie sind von allen guten Geistern verlassen."

Die einstige Grüne und 1996 zur CDU übergetretene Lengsfeld aber gibt freimütig zu: "Das ist meine Idee gewesen, das mal so zu machen." Ständig beschwerten sich alle unisono - und zurecht - über die Humorlosigkeit in der Wahlwerbung. Dem wolle sie mit einer frischen Idee entgegenwirken. Und: "Ja, ich will damit auch ein bisschen provozieren", sagt sie sueddeutsche.de. Zumal in diesem Wahlbezirk, einer Hochburg der Grünen, die hier Wahlergebnisse einfährt wie die CDU sonst nur im westlichen Münsterland.

Unerfahrenheit ist ihr nicht vorzuwerfen. Lengsfeld war von 1990 bis 2005 ununterbrochen Mitglied des Deutschen Bundestags. Sie unterlag 2005 im Kampf um ihren Thüringer Wahlkreis. Jetzt arbeitet sie als freie Autorin. Zur Bundestagswahl tritt sie vermutlich mehr der Form halber an. Zumindest stehen die Chancen denkbar schlecht, im linken Szenebezirk Friedrichshain-Kreuzberg als CDU-Kandidatin einen Fuß auf den Boden zu bekommen.

"Mir ist natürlich klar, dass man das auch böswillig interpretieren kann", sagt Lengsfeld. In ihrem Blog sind die ersten Sexismus-Vorwürfe zu lesen. Lengsfeld aber ficht das nicht an. "Die Feministinnen würden sich nur lächerlich machen. Denn in gewisser Weise ist das Plakat eine Parodie auf den Sexismus." Schließlich stehe auf dem Plakat: "Wir haben mehr zu bieten." Wobei das auch nicht jeder versteht.

Ihr schärfster Konkurrent, der mehrfache grüne Direktmandatgewinner Hans-Christian Ströbele lacht, als er von dem Plakat erfährt. "Dann rätsele ich mal, was dieses mehr denn sein soll", sagt er sueddeutsche.de. "Wir treffen ja hin und wieder aufeinander. Dann kann sie mir das sagen."

Angela Merkel weiß übrigens nichts davon, dass Parteifreundin Lengsfeld das Kanzlerinnen-Dekolleté für eigene Wahlkampfzwecke einsetzt. "Ich habe Frau Merkel nicht gefragt", sagt Vera Lengsfeld. "Das hätte sie mir auch nicht erlauben können."

Nach Merkels Oslo-Auftritt im April 2008 schrieb die Presse wohlwollend über die neue Offenherzigkeit der Kanzlerin. Das Boulevard-Blatt Berliner Kurier textete etwa: "Deutschland kann stolz auf diesen Vorbau sein." Ob die Öffentlichkeit so gnädig mit der Oberweite von Vera Lengsfeld umgeht, wird sich jetzt zeigen.

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