Calais Der "Dschungel" von Calais ist Europas Guantanamo

Das Lager am Ärmelkanal ist eine Schande für die ganze EU. Sie schafft es nicht, die in Europa ankommenden Flüchtlinge menschenwürdig zu versorgen.

Kommentar von Stefan Ulrich

Viele Europäer empören sich zu Recht über das Gefangenenlager Guantanamo, das die USA auf Kuba errichteten, um Terrorverdächtige dem vollen Schutz der amerikanischen Rechtsordnung zu entziehen. Guantanamo wurde zum Symbol für die arrogante Rechtsvergessenheit einer Supermacht. Doch auch im modernen Europa gibt es ein Lager, das zum Symbol geworden ist: den Dschungel von Calais. Er steht für Hartherzigkeit und Zerstrittenheit in Frankreich und der EU.

Dieser Dschungel an der Küste des Ärmelkanals ist über zwei Jahrzehnte herangewachsen. Immer mal wieder rückten Bulldozer an, um ein Camp plattzumachen, worauf bald neue Zelt- und Barackensiedlungen entstanden. Hier schlüpften Flüchtlinge unter, um bei Lebensgefahr zu versuchen, nach Großbritannien zu gelangen, wo sie sich bessere Lebensbedingungen als in Frankreich erhoffen.

Die Zustände im Dschungel, die mangelnde Hygiene, die schlechte Versorgung und die Unsicherheit besonders für unbegleitete Minderjährige wurden in Frankreich teils beklagt, teils ignoriert. Diese große Nation war lange nicht fähig - oder nicht willens -, den Dschungel mit seinen paar Tausend Bewohnern dauerhaft zu roden, um die Menschen woanders besser unterzubringen - oder ihn an Ort und Stelle durch ein ordentliches Lager zu ersetzen. So sendete Calais die Botschaft an Flüchtlinge aus: Kommt nicht nach Frankreich, denn da geht es euch schlecht. Die Regierung in Paris ließ es zu. Man kann fast glauben: Diese Botschaft war gewollt.

Das Lager am Ärmelkanal ist eine Schande für die ganze EU

Dabei wurde Frankreich von der Flüchtlingskrise weit weniger getroffen als Deutschland, Italien oder Griechenland. In Frankreich stellten 2015 etwa 80 000 Menschen Asylanträge, in Deutschland fast 480 000. Das sind sechs Mal so viel. Dennoch erklärte sich die sozialistische französische Regierung lediglich bereit, im Rahmen der Umverteilung von Flüchtlingen in Europa einmalig 30 000 Menschen aufzunehmen. Wenn Deutschland sich mehr Hilfe erwartete, hieß es aus Paris: Wir haben die Flüchtlinge nicht gerufen.

Das wirkt kaltschnäuzig, selbst wenn die Abwehrhaltung nachvollziehbare Gründe hat. Das Land tut sich ohnehin schwer, die vielen Franzosen nord- und westafrikanischer Herkunft zu integrieren. In mancher Banlieue eskaliert der Protest junger Araber oder Afrikaner, die sich ausgeschlossen fühlen. Auch hat Frankreich große Probleme mit Arbeitslosigkeit und Wirtschaftswachstum, was die Bereitschaft dämpft, Flüchtlinge aufzunehmen. Die Terroranschläge der jüngsten Zeit, etwa in Paris oder Nizza, steigern die Angst vor Fremden, die der Front National schürt.

Dennoch dürfte sich ein Jordanier, Libanese oder Türke - deren Länder Millionen Flüchtlinge aufgenommen haben - wundern, dass es im steinreichen Europa so lange diesen Dschungel gab. Das ist eine Schande für Frankreich und die ganze EU. Denn es zeigt: Die Flüchtlingspolitik der Union funktioniert nicht. Es fehlt an Solidarität unter den 28 EU-Staaten und an Pragmatismus, eine für alle erträgliche Lösung zu finden, was möglich wäre.

Nicht einmal den Mindestkonsens gibt es, die Menschen, die es nun einmal nach Europa geschafft haben, gemeinsam menschenwürdig zu versorgen. Neben den vielgescholtenen Polen und Ungarn halten sich zum Beispiel auch die Briten bei der Aufnahme fein heraus. Sie scheinen der Meinung zu sein: Sollen doch die Flüchtlinge auf der französischen Seite des Ärmelkanals darben, wie Strandgut des Lebens, das niemand will.

Der Dschungel von Calais mag nun geräumt werden. Die Flüchtlingskrise aber geht weiter, und sie ist längst eine Krise der Europäischen Union. In Vielfalt geeint, heißt ihr Leitspruch. Etliche Mitgliedstaaten handeln stattdessen nach dem Motto: In Schäbigkeit vereint.

Der "Dschungel" verschwindet, das Problem bleibt

Die Abwicklung des Flüchtlingslagers von Calais gleicht der Auflösung einer Kleinstadt. Doch der Traum von Großbritannien, den viele Flüchtlinge haben, wird damit nicht verschwinden. Von Paul Munzinger mehr...