Von Stefan Kornelius

Nach dem Schock der Terroranschläge von 2001 wandelte sich die amerikanische Außenpolitik fundamental. Das Weltbild von George W. Bush spaltete Europa und zerstörte fast ein Bündnis.

George W. Bushs Verhältnis zu Europa war ein non-starter, wie man in Washington sagen würde, eine Art Totgeburt. Das lag zum einen daran, dass vor der Wahl 2000 die meisten Europäer und besonders die Deutschen Al Gore ihre Zuneigung geschenkt hatten.

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George W. Bush herzt den Ministerpräsidenten Sloweniens Janez Janša. (© Foto: Reuters)

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Das Drama der Stimmauszählung von Florida wurde als ungerecht empfunden, entsprechend galt der Profiteur dieses Verfahrens als unrechtmäßig gewählter Präsident. Außerdem hielten sich die Gerüchte, dass es sich bei dem Ex-Gouverneur aus Texas um einen Cowboy handele, der nicht viel von der Welt versteht.

George W. Bush blieb diese Stimmung nicht verborgen - und er begegnete ihr auf seine Weise. Die erste Europareise führte ihn weder nach Paris noch nach Berlin. Bush fuhr im Juni 2001 nach Spanien, zur Nato, anschließend zum US-EU-Gipfel nach Schweden und schließlich nach Warschau, wo er an der Universität eine Rede hielt, die schon all das in sich trug, was sich zwischen den USA und Europa in den nächsten sieben Jahren entwickeln sollte.

Hätte man den Präsidenten damals schon beim Wort genommen, wäre den Europäern später so manche Enttäuschung erspart geblieben. Bushs legte seine außenpolitische Philosophie bereits in dieser Rede breit dar.

Sie zirkelte um die Begriffe von Freiheit und Demokratie, um das Selbstbestimmungsrecht der Völker und die Ausdehnung der Zone geistiger Unabhängigkeit und wirtschaftlicher Prosperität.

Bush sprach von den alten und den neuen Demokratien Europas, der Vorbildrolle und der inneren Kraft Polens und immer wieder davon: "Die Frage ist nicht, mit wie wenig wir über die Runden kommen, sondern wie viel wir tun können, um die Sache der Freiheit voranzubringen."

Unheil und Tyrannei

Allerdings formulierte der Präsident auch einen Satz, der sich in seiner Voraussicht bald bestätigen sollte: "Wenn Europa und Amerika gespalten sind, dann entwickelt sich die Geschichte zur Tragödie. Wenn Europa und Amerika Partner sind, dann kann kein Unheil oder keine Tyrannei gegen uns bestehen." Das Unheil ließ nicht lange auf sich warten, eine Politik für das gesamte Europa erwuchs daraus nicht.

Das Weiße Haus tat sich 2001 schwer mit Europakennern und Ratgebern wie Außenminister Colin Powell, der einst als Soldat in Deutschland stationiert gewesen war. Die Strategie machten andere. Nach einer außergewöhnlich langen Anlaufzeit, in der die wichtigen Beamtenposten unbesetzt blieben, kam der 11. September, der all jene außenpolitischen Ideen öffentlich machte, die das neokonservative Lager bereits in sich trug: den missionarischen Zorn, den Glauben an die eigene Stärke, die Beratungs- und Bündnisresistenz - und schließlich die Missachtung völkerrechtlicher Normen.

Die Geschichte vieler Missverständnisse bis hin zum kompletten gegenseitigen Unverständnis zeichnete sich gleich nach den Terrorflügen vom 11. September ab. Die Sympathie in Europa mag überwältigend, die Dankbarkeit in den USA authentisch gewesen sein - Bush hätte besser auf das gehört, was sich beispielhaft auf einem handgeschriebenen Schild fand, das bei einer Kundgebung vor dem Brandenburger Tor aus der Menge ragte: "Mr. President, no war please."

Der Krieg aber kam, und er kam als Bündniskrieg. Die Nato löste nach den Anschlägen den Bündnisfall nach Artikel 5 aus (das erste Mal in ihrer Geschichte) und verpflichtete die Mitglieder zu einer Kooperation, die in Washington in Wahrheit niemand wollte. Der Feldzug in Afghanistan war ein amerikanisches Unternehmen, Europas Hilfsangebot wurde höflich zur Kenntnis genommen.

Nie fühlte sich Amerika so stark wie in der Stunde seiner großen Verletzung. Nie war jenes Europa so weit weg, das nicht verstehen wollte oder konnte, dass sich die USA nun "in einem Krieg" befanden. Aus der Verletzung nach dem Angriff entstand Trotz, aus Trotz wurde Wut, aus Wut erwuchs der Kriegswunsch, der patriotisch unterfüttert wurde.

In den USA bestand kein Zweifel, dass die Regierung für die richtige Sache kämpfte. Und aus diesem Überschwang selbstempfundener Stärke entwickelte sich eine Strategie, eine Doktrin gar, die zwar den Namen des Präsidenten trug, die aber von den Ideologen im Büro des Vizepräsidenten und in der politischen Abteilung des Pentagon geschrieben wurde.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Europa von der neuen Bush-Doktrin überollt wurde.

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