Warum der US-Präsident bei seinem heutigen Kurzbesuch in Russland anders auftreten wird als in den vergangenen Jahren - und inwieweit Putin die Schwäche seines amerikanischen Kollegen ausnutzen wird.
Auf einem Moskauer Flughafen wird heute George W. Bush erwartet. Der amerikanische Präsident legt auf dem Weg nach Asien einen Zwischenstopp in der russischen Hauptstadt ein, um sein Flugzeug betanken zu lassen.
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Kremlchef Wladimir Putin wird den Amerikaner dennoch persönlich begrüßen, während Air Force One startklar gemacht wird. Putin kann sich bei dieser Gelegenheit ein Bild davon machen, wie es um den mächtigsten Mann der Welt bestellt ist, der als "lahme Ente" gilt und zudem nun einen nicht unwesentlichen Teil seiner Macht verloren hat.
Streng genommen ist auch Putin eine lahme Ente. Er verlässt 2008 den Kreml und darf sich nach den Regeln der russischen Verfassung nicht sofort um eine dritte Amtszeit bewerben.
Anders als Bush wird Putin aber voraussichtlich bis zum letzten Tag seine volle Macht entfalten können. Im Dezember 2007 stehen zwar auch in Russland Parlamentswahlen an. Das vom Präsidialamt dirigierte politische System des Landes dürfte aber garantieren, dass keine Mehrheiten zustandekommen, die dem Kreml nicht genehm sind. George W. Bushs Probleme sind Putin also fremd.
Klare Ziele
Er muss keine Rücksicht auf die Opposition nehmen und kann ungehindert eine Außenpolitik aus einem Guss gestalten. Mit dieser Außenpolitik muss Bush nun mehr denn je rechnen.
Putins Programm ist einfach: Es hat den Wiederaufstieg Russlands zu einer global agierenden und vor allem ernst genommenen Macht zum Ziel. Was Russland an Schätzen aufzubieten hat, Gas zum Beispiel, muss diesem Ziel dienen. Ebenso einfach war bislang die amerikanische Gegenposition. Die USA beobachteten das Erstarken Russlands mit Sorge, weil sie im einstigen Rivalen wieder einen Konkurrenten erkannten. Diese Einschätzung ist richtig.
Erklärtes Ziel Russlands ist es, den Einfluss Amerikas im Kaukasus und in Zentralasien zurückzudrängen. Doch auch in anderen Weltgegenden ist Russland gerne zur Stelle, wenn es darum geht, Amerika in die Schranken zu weisen. Moskaus Forderung nach einer multilateralen Weltordnung wird vielerorts gerne gehört - in China und Indien zum Beispiel, aber auch in Teilen Europas.
Die USA haben ihre Führungsrolle zwar nicht eingebüßt, durch die Politik Bushs und den Krieg im Irak aber an Stärke verloren. Das Misstrauen, das die amerikanischen Wähler dem Präsidenten ausgesprochen haben, herrscht in der Weltöffentlichkeit schon lange.
Das hat zu einer relativen Schwäche Amerikas geführt, die Russland nun nutzen kann. Hinzu kommt der wachsende Energiebedarf Asiens, der auch mit Russlands Hilfe gestillt werden soll. Beim Gipfeltreffen der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft am Wochenende in Hanoi wird Putin deshalb vermutlich eine Rolle spielen können, die erheblich wichtiger ist als die bislang bescheidene wirtschaftliche Bedeutung Russlands in dieser Gegend.
Beitritt zur WTO
Auf einen besonderen Sieg kann Putin in Hanoi zudem hoffen, weil er aller Voraussicht nach mit US-Präsident Bush den Beitritt seines Landes zur Welthandelsorganisation besiegeln wird. Nach jahrelangen Verhandlungen haben die Amerikaner dem Beitritt der Russen nun zugestimmt - und auch das wird in Moskau als Zeichen der neuen Schwäche gewertet.
Ganz falsch ist das nicht: Der US-Kongress wird von Bush eine Politik mit weniger Alleingängen verlangen. Dafür braucht Bush Partner auch unter jenen, die er eigentlich als Konkurrenten sieht. Auf der Liste dieser Länder steht Russland weit oben, ohne Moskaus Hilfe sind die Konflikte um die Atomprogramme Irans und Nordkoreas nicht zu entschärfen.
Gerade erst hat Russland den US-Entwurf einer UN-Resolution gegen Iran gründlich umgeschrieben und dabei entschärft. Die Russen sind sich ihrer Bedeutung bewusst - und genießen sie.
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(SZ vom 15.11.2006)