Bush in Jad Vaschem Auschwitzfrage, viel zu spät

George W. Bush reißt in Jad Vaschem alte Wunden auf - mit der Frage nach einer Mitschuld der USA und der Welt am Holocaust. Seine bewegte Reaktion ist die eines Mannes, der strategisch, aber nicht historisch denken kann.

Von Andrian Kreye

Für einen obersten Befehlshaber der amerikanischen Streitkräfte war der Schluss, zu dem George W. Bush bei seinem Besuch der Gedenkstätte Jad Vaschem am Freitag kam, nur logisch.

Bush in Jad Vaschem

Fotos von Anfahrtswegen, Eisenbahntrassen und angesichts dessen die Feststellung: "Wir hätten bombardieren sollen."

(Foto: Foto: dpa)

Der Präsident betrachtete die Luftaufnahmen des Konzentrationslagers Auschwitz, sah die Anfahrtswege und Eisenbahntrassen, auf denen eineinhalb Millionen Menschen zu ihrer Vernichtung transportiert wurden, und soll daraufhin gesagt haben: "Wir hätten bombardieren sollen." Die Debatte ist schon im Gange.

Was Bush da formulierte, war eine Anklage, die seit dem Ende des Krieges im historischen Raum steht. Es ist die Frage, welche Mitschuld die USA und der Rest der Welt am Holocaust hatten. Es ist die Frage, ob man den Mord an sechs Millionen Juden in Europa nicht mit einfachen militärischen Mitteln hätte verhindern können.

Es ist die Frage, ob sich die Alliierten und vor allem die USA nicht um ihre Verantwortung gedrückt haben. Es ist die Frage, ob Militär und Politiker zynisch nach strategischen Gesichtspunkten urteilten. Und es wirft die große Frage auf, die sich die Länder der freien Welt seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges immer wieder stellen mussten: Egal ob Kambodscha, Jugoslawien, Ruanda oder Sudan - hätte die Weltgemeinschaft eine Katastrophe verhindern können?

In der historischen Aufbereitung des Holocaust gibt es aber nicht nur die großen Fragen, sondern auch die unzähligen Einzelfälle. Franklin D. Roosevelt hatte im Washington der dreißiger Jahre zwar immer wieder für ein Eingreifen plädiert. Seine Berater jedoch hatten ihn gebremst.

Die Irrfahrt der MS St. Louis taucht da immer wieder als Beispiel auf. Im Mai 1939 legte der Luxusdampfer in Hamburg ab. An Bord waren 906 jüdische Emigranten. Zwei Wochen später erreichten sie Kuba.

Auf Anweisung von Roosevelts Außenminister Cordell Hull wurde ihnen die Einreise versagt. Demokraten der Südstaaten übten weiteren Druck auf den Präsidenten aus, der sich im Jahr darauf der Wiederwahl stellen musste. Auch die geplante Landung in Florida wurde dem Kapitän verboten. Im Juni kehrt die St. Louis zurück nach Europa. Nur die Hälfte der Flüchtlinge überlebte das Dritte Reich.

Strategisch, nicht historisch

Immer wieder taucht auch die Frage auf, warum die Stelle des Staatssekretärs, der im Außenministerium für die Visavergabe und damit für die Einwanderung europäischer Flüchtlinge zuständig war, 1940 ausgerechnet mit Breckinridge Long besetzt worden war, einem latent antisemitischen Isolationisten, der unter den osteuropäischen Einwanderern Spione und kommunistische Agitatoren vermutete.

Long war es dann auch, der Roosevelts zögerliche Versuche einer freizügigeren Einwanderungspolitik rückgängig machte. Daran änderten auch die Erkenntnisse der amerikanischen Geheimdienste nichts, die seit 1942 von einem organisierten Massenmord an europäischen Juden wussten.

Und da sind die Luftaufnahmen der Vernichtungslager aus dem Sommer 1944, die 1978 wieder auftauchten. Strategische Erwägungen waren es, welche die Alliierten davon abhielten, die Zufahrtswege zu zerstören. Der Gesamtsieg sollte die Juden befreien.

Heute gelten der amerikanische Antisemitismus des frühen zwanzigsten Jahrhunderts und die strategischen Fehler als historische Fußnoten. Die Alliierten haben ihre Fehler weitgehend eingestanden und aufgearbeitet. Und die Generation, die Europa befreite, dient der amerikanischen Gesellschaft heute noch als "Greatest Generation" zum Vorbild.

Die Reaktion eines sichtlich bewegten Präsidenten vor den Fotografien in Jad Vaschem war wahrscheinlich nicht geplant. Es war die Reaktion eines Mannes, der strategisch, aber nicht historisch denken kann.

Denn wäre es doch Berechnung, die Bush zu dieser Bemerkung hingerissen hat, wollte er damit andeuten, jedes militärische Zögern bedeute, sich aus der Verantwortung zu drücken, hätte er die historische Debatte für die zynische Rechtfertigung seiner aktuellen Außenpolitik genutzt, die strategisch und historisch versagt hat.