Bush in Bagdad: Der Schuh-Werfer Ziel verfehlt, Ehre getroffen

Der Schuh-Werfer von Bagdad hat George W. Bush in den Augen der Iraker schwer gedemütigt - ihr Widerstand hat nun ein Symbol.

Von Stefan Kornelius

An Bord der Air Force One auf dem Weg nach Afghanistan beliebte der Präsident noch zu scherzen. Ein "bizarrer Augenblick", sei dies gewesen, sagte George W. Bush.

Wenige Stunden zuvor hatte ihn der Journalist Muntadar al-Zaidi während einer Pressekonferenz in Bagdad mit zwei Schuhen und den entsprechenden Flüchen beworfen. Bush wich aus und kalauerte, er sei doch schon immer gut gewesen im Wegducken, vor allem bei unliebsamen Journalistenfragen. Dann plänkelte Bush weiter: "Ich habe seine Sohle gesehen", was sich im Amerikanischen auch anhört wie "ich habe seine Seele gesehen" - in Anspielung auf die berühmt gewordene Charakterstudie von Wladimir Putin, dem Bush gleich zu Beginn seiner Amtszeit in die Augen schaute und dabei dessen gute Seele erkannt haben will.

Der US-Präsident mochte sich noch so locker geben, eine Botschaft an die begleitenden Journalisten auf dem Flug von Bagdad nach Kabul war ernst gemeint: "Ich glaube nicht, dass Sie einen schuhewerfenden Typen nehmen und behaupten können, der repräsentiere eine breite Bewegung im Irak." Als Bush dem afghanischen Präsidenten am nächsten Morgen die Hand schüttelte, war auch diese Aussage schon widerlegt. Über Nacht war die Bewegung schon entstanden, der Angreifer mit dem Fußwerk hatte sich sein Fußvolk wahrlich geschaffen.

Das unreine Kleidungsstück

So wurde aus dem Schuh-Zwischenfall von Bagdad ein Politikum höchster Güte. Tausende Iraker im ganzen Land zeigten am Montag, dass es sehr wohl eine Bewegung der Schuhe-Werfer gibt. Denn der Schuh, das hatte Bush unterschätzt, ist kein lächerliches Symbol, Schuhewerfen ist keine drollige Form der Wutbekundung.

Der Angreifer hatte die Tatwaffe bewusst gewählt. Denn es gibt in der arabischen Welt kaum ein anderes Kleidungsstück, mit dem sich so viel Verachtung ausdrücken und so viel Erniedrigung produzieren lässt. Die kulturelle Bedeutung der Schuh-Attacke war Bush wohl nicht bewusst, als er schlagfertig ins Mikrofon tönte, es handele sich um ein Produkt der Größe zehn (europäisch 43-44).

Bei jedem Araber mit antiamerikanischen Gefühlen wird sich aber sofort Genugtuung und die Achtung vor dem Angreifer eingestellt haben. Der Schuh ist ein unreines Kleidungsstück, er wird vor der Moschee abgelegt, seine Sohle darf nicht auf andere Menschen deuten - sie könnten sich angegriffen fühlen. Wer die Schuhe in der (linken) Hand trägt, legt die Sohlen aneinander. Wer seine Abscheu und Geringschätzung ausdrücken will, der schlägt den Gegner oder auch nur dessen Bild mit den Sohlen seiner staubigen Schuhe.

So wurde der Schuh über Nacht zum Symbol für den Hass auf die Amerikaner und auf Bush. Korrespondenten verschiedener Medien berichteten, dass in allen Winkeln des Irak mit Schuhen bewaffnete Menschen auf die Straße zogen. Der Journalist Muntadar wurde als Held gefeiert, der mit einer klugen und ungefährlichen Aktion große Gefühle erzeugt und Bush gedemütigt habe. Plötzlich hat der Widerstand sein Symbol gefunden. Auf eine Fahrzeugkolonne der US-Streitkräfte prasselten Schuhe nieder.

Der Angreifer verbrachte unterdessen den Tag nach der Tat im Gefängnis. Der 29-jährige Journalist wird als irakischer Patriot beschrieben. Sein Arbeitgeber, der Sender al Baghdadiya, sendete Aufrufe zu seiner Freilassung, in der Politik wird nun gestritten, ob es sich um eine Heldentat oder eine unziemliche Schmähung handele. Und George Bush wird wieder einmal klar geworden sein, dass es einfache Abschiedsreisen für ihn nicht gibt.

Sowohl in Europa wie auch in Lateinamerika war er schon mit Pfiffen verabschiedet worden. In Bagdad begleitete ihn der Journalist mit den Flüchen: "Ein Abschiedskuss von den Menschen des Irak, du Hund" und "Dieser hier ist von den Witwen, den Weisen und den Getöteten im Irak." Das Schimpfwort Hund steht dem Schuh in seiner Niedertracht übrigens nicht nach.

Bush, der aus Sicherheitgründen schon kaum noch Veranstaltungen unter freiem Himmel besucht und immer nur auf handverlesenes Publikum trifft, wird nun untersuchen lassen müssen, ob Pressekonferenz künftig nur noch barfuß besucht werden dürfen. Bisher wurde nur sein Poster-Konterfei von Schuhen malträtiert. Seine Außenministerin Condoleezza Rice muss sich eine ähnliche Schmähung gefallen lassen. Ihr Vorname wird in der arabischen Welt als Kundara verballhornt - was Schuh bedeutet.

Der Schuhwerfer von Bagdad

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