Von Dieter Degler

George W. Bush verabschiedet sich von Europa und seiner einstigen Busenfreundin Merkel. Das Goodbye Europas ist mehr eine Reverenz an das Amt des US-Präsidenten als an seinen Inhaber. Es wird wohl ohne Tränen abgehen.

Feindbilder haben ja jede Menge Vorteile. Man kann klar zwischen Schwarz und Weiß unterscheiden und muss sich nicht groß um die Grautöne scheren. Insofern war George W. Bush, der zum Abschied von der Macht und Europa noch einmal auf Schloss Meseberg nächtigen darf, für die Deutschen ein angenehmer US-Präsident.

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Bye-bye George! (© Foto: Reuters)

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Das klingt dann in den offiziellen Verlautbarungen deutscher Parteigranden etwa so: "Die Ära Bush war keine gute - weder für Amerika noch für jene, die sich wie ich als Freunde Amerikas verstehen", sagt FDP-Chef Guido Westerwelle. SPD-Außenpolitiker Hans-Ulrich Klose findet, man könne "wirklich nicht sagen, dass George W. Bush die Welt besser gemacht hätte". Er habe, übertrumpft ihn der Grüne Jürgen Trittin, "die Welt eindeutig schlechter gemacht". Und selbst CDU-Außenexperte Eckart von Klaeden ruft Bush zum Abschied zu, dass Irakkrieg, Guantánamo und Abu Ghraib nicht nur das Ansehen der USA, sondern das des Westens in der muslimischen Welt schwer beschädigt und "islamistischen Extremisten Auftrieb gegeben" hätten.

Es hat sich etwas geändert seit Angela Merkel im Jahr 2003 in Washington erstmals als Schröder-Herausforderin auftrat und sich mit einem Aufsatz in der Washington Post ("Herr Schröder spricht nicht für alle Deutschen") als Irakkrieg-Befürworterin outete und bei George W. anschmuste.

Der Unterwerfungsgeste folgte nach ihrer Wahl zur Kanzlerin, die sich schon beim G-8-Gipfel in St. Petersburg nur widerwillig öffentlich den gestressten Nacken von Mister Bush massieren ließ, ein Verhältnis zu den Vereinigten Staaten, das zwar entspannter als während der Ära Schröder, aber vor allem von Nüchternheit geprägt war.

Heute stehen neben den politischen die ökonomischen Beziehungen wieder gleichberechtigt im Mittelpunkt des Verhältnisses zu den USA. Dies ist der größte Exportmarkt der deutschen und europäischen Wirtschaft. Seit einem Jahr versuchen beide Seiten, im Transatlantischen Wirtschaftsrat Handelshemmnisse zwischen den Nationen abzubauen. Da geht es um so profane Fragen wie die Desinfizierung amerikanischen Geflügelfleisches oder die Durchleuchtung europäischer Container auf dem Weg nach drüben.

Dass die Politik nicht mehr allein im Zentrum des Verhältnisses zwischen Berlin und Washington steht, hat mehrere Gründe. Auf der deutschen Seite liegt es vor allem daran, dass quer durch alle Parteien, selbst in der traditionell USA-freundlichen Union, die Skepsis gegenüber dem unilateralen Machtgebaren der Vereinigten Staaten gewachsen ist. Wer Demokratie, Rechtsstaat und Partnerschaft predigt, aber Krieg mit Lügen begründet, Menschenrechte missachtet und die Meinung von Verbündeten ignoriert, ist nicht sonderlich glaubwürdig.

Auf amerikanischer Seite binden andere Interessen, vor allem der Wahlkampf und die wirtschaftliche Rezession, aktuell die Aufmerksamkeit. Deutschland ist zwar unverändert ein Partner der ersten Kategorie, aber die Bedeutung einzelner Staaten sinkt; EU und Nato spielen eine weitaus wichtigere Rolle. Berlin steht zudem in dem Ruf, auf globaler Ebene keine aktive Funktion auszuüben, sondern nur zu handeln, wenn Amerika dies einfordert. George W. Bush, in seiner zweiten Amtszeit ohnehin weniger Welt-Cowboy als in der ersten, hat es praktisch aufgegeben, die Europäer stärker in die Pflicht zu nehmen.

Mit Argusaugen beobachten Amerikaner die Energieabhängigkeit der Deutschen von Russland und ihre Position gegenüber dem US-Vorschlag, einen Raketenschild in Europa zu etablieren. Und: Die Deutschen stehen, auch fast 64 Jahre nach dem Untergang des "Dritten Reichs", noch unter Dauerverdacht. Sie hätten zwar ihre Weltmachtphantasien aufgegeben, schrieb kürzlich ein Analytiker im Blog des Atlantic Review, aber tief in ihrem Innern schienen sie den geheimen Wunsch zu hegen, "das Scheitern der Macht zu erleben, die an ihrer Stelle den Weg an die Spitze geschafft habe".

Es wird sich also diesmal, anders als noch vor einem Jahr in Heiligendamm, kaum jemand über den Besucher aus Washington echauffieren, weder in Berlin noch in Washington. Das Goodbye Europas ist mehr eine Reverenz an das Amt des US-Präsidenten als an seinen Inhaber. Auch Angela Merkel wird sich mehr Gedanken über Barack Obama machen als über den scheidenden Präsidenten.

Denn wer immer nach Bush kommt, er wird die Deutschen mehr fordern als bisher. Der auch hierzulande als großer Sympathieträger empfundene Barack Obama etwa hat bereits den Abschied vom Unilateralismus angekündigt, falls er die Wahl gewinnen sollte. Das bedeutet für Deutschland und Europa nicht nur mehr Mitsprache, sondern auch, dass ihre Beiträge zur Befriedung internationaler Krisenherde etwas teurer werden.

Und Freunden kann man ja viel schwerer etwas abschlagen. Das war bei einem wie George W. Bush anders.

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(sueddeutsche.de/jja)