Bundeswehrsoldat im Ukraine-Krieg Fahnenflucht an die Front

Ein desertierter deutscher Soldat kämpft offenbar in der Ukraine - für die prorussischen Separatisten. Der bestens ausgebildete Kämpfer hat seine Ausrüstung wohl mitgenommen.

Von Christoph Hickmann, Berlin

Dass Soldaten nicht zum Dienst erscheinen, kommt immer wieder mal vor - auch wenn die sogenannte eigenmächtige Abwesenheit ein schweres Vergehen ist. Wer "vorsätzlich oder fahrlässig" länger als drei Tage abwesend ist, muss laut Wehrstrafgesetz mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren rechnen.

Und wer versucht, sich dauerhaft dem Dienst zu entziehen, wird sogar wegen Fahnenflucht belangt - dem Gesetz nach zu ahnden mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren. Einen solchen Verdacht auf Fahnenflucht gibt es derzeit bei den Fallschirmjägern im niedersächsischen Seedorf - und zwar einen mit brisantem Hintergrund.

Dort war ein Hauptgefreiter zunächst für zwei Wochen krankgeschrieben - kzH nennt man das bei der Bundeswehr, krank zu Hause. Danach sei er "nicht zum Dienst erschienen", heißt es in einer internen Meldung über den Vorgang, der seit Tagen Aufregung in der Truppe erzeugt. "Mit ihm fehlt seine Gefechtsausrüstung", so steht es weiter in der Meldung. "Ermittlungen haben ergeben, dass er sich wahrscheinlich in die Ukraine abgesetzt hat, um dort die prorussischen Separatisten zu unterstützen."

Portion Draufgängertum

Ein fahnenflüchtiger Fallschirmjäger der Bundeswehr kämpft in der Ostukraine? Tatsächlich lässt die Herkunft des deutschen Staatsbürgers einige Rückschlüsse auf mögliche Motive zu: Nach Angaben aus Militärkreisen kam er 1991 im Gebiet der zerfallenden Sowjetunion zur Welt.

Da braucht es nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, was den Mann an die Front getrieben haben könnte. Und es deutet einiges darauf hin, dass er es sogar dorthin geschafft hat - jedenfalls heißt es in der Meldung über den Vorgang: "Nach Aussage eines Zeugen", der mit dem Fallschirmjäger über den beliebten Kurznachrichtendienst "WhatsApp" Verbindung gehabt habe, "befand sich der Soldat bereits in Gefechten in der Ukraine".

Fallschirmjäger haben innerhalb der Bundeswehr einen besonderen Status. Sie begreifen sich selbst als Elitetruppe, und das mit einigem Recht: Ihre Ausbildung ist besonders hart, dafür gilt ihre Kampfkraft als besonders hoch, und eine gehörige Portion Draufgängertum gehört sowieso dazu.

Für vier Jahre verpflichtet

Nicht umsonst werden Fallschirmjäger auch eingesetzt, wenn deutsche Staatsbürger im Ausland in Sicherheit gebracht werden müssen. Sollte sich der verschwundene Soldat also tatsächlich den Separatisten angeschlossen haben, dürfte denen nun ein bestens ausgebildeter Kämpfer zur Verfügung stehen - zumal der Mann aus Seedorf bereits vor zwei Jahren in die Bundeswehr eingetreten ist, also einige Erfahrung hat. Damals hatte er sich für vier Jahre verpflichtet.

Eine Schusswaffe allerdings habe er nicht mitgenommen, wird in Militärkreisen versichert- jedenfalls keine der Bundeswehr. Das wäre auch schwer möglich gewesen, schließlich werden die nicht zu Hause aufbewahrt. Versuche, mit dem Soldaten oder seinen Angehörigen Verbindung aufzunehmen, seien "erfolglos" geblieben, heißt es in der internen Meldung zu dem Vorgang.

Offiziell will sich die Bundeswehr nicht weiter äußern und verweist darauf, dass es hier um laufende Ermittlungen gehe. Wobei sich die Möglichkeiten, mehr über den Abtrünnigen herauszufinden, derzeit in engen Grenzen halten dürften.