Bundeswehrsoldaten zum G36 "Nie rechts gezielt und links getroffen"

Viel Aufregung um ein Gewehr: Bundeswehrsoldaten mit dem G36 in der Nähe von Kundus.

(Foto: dpa)
  • Das Standardgewehr der Bundeswehr soll ausgemustert werden, doch viele Soldaten schätzen das G36.
  • Sie vertrauen ihrer Standardwaffe und halten die Kritik am G36 teilweise für Unsinn.
  • Doch die Mängel zeigen sich wohl erst in Situationen, in welche die meisten Soldaten glücklicherweise nie geraten: intensive Feuergefechte.
Von Joachim Käppner

Mehmet hat zum Training seine Kalaschnikow mitgebracht. Wie viele kurdische Kämpfer trägt er ein eigenes Gewehr, schon sein Vater hat damit in den Bergen des Nordirak gegen die Truppen des Diktators Saddam Hussein gekämpft. Die Holzgriffe, brüchig geworden, hat er mit Klebeband fixiert.

Weil museumsreife Gewehre nicht genügen, um den Sturm der IS-Gotteskrieger auf Kurdistan aufzuhalten, liefert auch die Bundesrepublik der kurdischen Autonomieregion im Irak moderne Waffen wie das deutsche G36 und das Vorgängermodell G3. Die Peschmerga genannten Kämpfer verteidigen eine fast 1100 Kilometer lange Front, ihre Freiheit und Hunderttausende Flüchtlinge, die sich hierher gerettet haben. In Erbil, der kurdischen Hauptstadt, bilden Gebirgsjäger der Bundeswehr die Milizionäre an den Schnellfeuergewehren aus.

"Ich fühlte mich mit dem G36 gut ausgerüstet", sagt ein Offizier

Eine sehr gute Waffe, sagen die Peschmerga über genau jenes G36, das in Deutschland so viele Negativschlagzeilen macht. Mehmet: "Es hat fast keinen Rückstoß, es ist leicht, es schießt sehr präzise." Von der deutschen Debatte hat er gehört und sagt: Er wäre froh, Kurdistans Verteidiger hätten solche Sorgen. Bei den Bundeswehrsoldaten in Erbil findet sich niemand, der Schlechtes über das nun in Ungnade gefallene G36 berichtet.

Das heißt nicht, dass all die Aufregung in der Heimat künstlich wäre. Festgestellt wurden immerhin mangelnde Treffgenauigkeit bei hohen Temperaturen und im heiß geschossenen Zustand; politisch wurde das Thema lange ignoriert. Aber auffällig ist: Wenn etwa gepanzerte Fahrzeuge unzureichend gegen Sprengfallen geschützt sind, ist der Aufschrei in der Truppe groß.

Bei der G36-Affäre sind die Reaktionen verhaltener. Ein Offizier, der das Gewehr verteidigt, empfindet die Kritik als unfair und die Ansprüche als überzogen: "Ich bestelle auch keinen Ferrari und beklage mich später, dass ich damit keine Möbel transportieren kann." Bundeswehrverbands- Chef André Wüstner klingt differenziert: Die Soldaten vertrauten ihrer Standardwaffe eigentlich; allerdings fordert auch er angesichts der Untersuchungsergebnisse, ein neues "System Sturmgewehr" zu beschaffen.

Ein Offizier, der mehrere Afghanistaneinsätze hinter sich hat, sagt: "Ich fühlte mich mit dem G36 gut ausgerüstet, auch in der Sommerhitze bei Kundus." In der FAZ sagt ein Bundeswehrsoldat zum Beispiel: "Wir haben nie rechts gezielt und links getroffen. Soldaten, die mit dem Sturmgewehr im Gefecht standen, halten die Kritik für Unsinn - trotz bekannter Mängel."

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Um das Gefecht geht es allerdings im Kern des Streits. Die Mängel zeigen sich wohl vor allem in Situationen, in welche die meisten Soldaten glücklicherweise nie geraten: ein intensives Feuergefecht, in dem schnell viel Munition verschossen wird, um der Angreifer Herr zu werden, wie beim so genannten Karfreitagsgefecht 2010 nahe Kundus im Hinterhalt der Taliban.

Der Offizier sagt: "Das G36 kann zwar sehr schnell feuern. Aber es ist eben kein Maschinengewehr, sondern eine Handwaffe, die in solchen Lagen an ihre Grenzen kommt." Das sei bei vergleichbaren Modellen nicht anders. Genau dies freilich bestreitet die wachsende Zahl der Kritiker des G36.