Von Peter Blechschmidt

Beinahe jeder Zweite wird als untauglich für den Wehrdienst eingestuft. Doch das liegt nicht daran, dass die Jungs von heute so schlecht drauf sind.

Deutschlands Jugend ist zu fett. Das offenbart auf den ersten Blick ein Gang durch die Innenstädte oder an den Ferienstränden.

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Rekruten (Archivbild) (© Foto: dpa)

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Übergewicht, schlechte Körperhaltung und träge Bewegungen sind klare Indizien für mangelnde körperliche Leistungsfähigkeit. Aber dass knapp die Hälfte der jungen Männer hierzulande so schlecht drauf sein sollen, dass sie nicht für den Wehrdienst in der Bundeswehr taugen, klingt dann doch sehr unwahrscheinlich.

Dennoch scheint es so zu sein, wenn man den Zahlen glaubt, welche die Bundeswehr selbst der Zentralstelle der Kriegsdienstverweigerer (KDV) mitgeteilt hat. Danach waren im ersten Halbjahr 2007 von 223.000 gemusterten Wehrpflichtigen 93.000 gar nicht und 10.000 vorübergehend nicht wehrdienstfähig, mithin 46,2 Prozent.

Willkürliche Ausmusterung

Nach Ansicht der KDV haben diese Zahlen mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Vielmehr sei "der dramatische Anstieg der Untauglichkeitsquote" - 2006 waren 40 Prozent der Gemusterten vorübergehend oder dauerhaft untauglich, 2002 waren es 16,9 Prozent - willkürlich, weil politisch gewollt.

Es gehe nur darum, Wehrpflichtige aus der Statistik herauszurechnen und so den Anschein von Wehrgerechtigkeit herzustellen, meint die KDV. Nur so lasse sich, wie Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) dies tue, ideologisch an der allgemeinen Wehrpflicht festhalten.

Tatsächlich ist sich Jung des Risikos voll bewusst, das mangelnde Wehrgerechtigkeit für den Fortbestand der Wehrpflicht bedeutet - ungeachtet der politischen Debatte, die gerade erst wieder vor dem SPD-Parteitags im Oktober von den Sozialdemokraten entfacht worden ist.

Noch immer ist beim Bundesverfassungsgericht eine Vorlage vom April 2005 anhängig, mit der das Kölner Verwaltungsgericht klären will, ob es zu Recht einen Einberufungsbescheid zur Bundeswehr mit dem Hinweis auf die bestehende Wehrungerechtigkeit aufgehoben hatte. Nicht zuletzt mit Blick auf Karlsruhe hatte Jung angeordnet, in diesem Jahr die Zahl der einzuberufenden Wehrpflichtigen von 30.000 auf 35.000 zu erhöhen.

Neues Konzept als Vorwand

Schon im Oktober 2004 hat die Bundeswehr allerdings - damals noch unter Jungs Vorgänger Peter Struck von der SPD - die Tauglichkeitskriterien drastisch heraufgesetzt. Dadurch stieg die Zahl der Untauglichen auf einen Schlag von 11,1 auf 32,6 Prozent eines Musterungsjahrgangs. Das passte gut zu dem gezielten Personalabbau, mit dem sich die Bundeswehr damals zu einer Armee im weltweiten Einsatz zu wandeln begann.

Das neue Konzept lieferte auch gleich die Begründung für die Anpassung der Kriterien: Die Soldaten der neuen Einsatzarmee müssten fitter sein als die Hüter der Heimatfront.

Fein-Tuning notwendig

Anfang dieses Jahres tat die Bundeswehr einen weiteren Schritt in diese Richtung. Die "Entscheidungsbefugnis der Musterungsärzte" wurde gestärkt, so das Verteidigungsministerium am Dienstag. Damit sollte verhindert werden, dass weiterhin bis zu 7,5 Prozent der eingezogenen Wehrpflichtigen aus Gesundheitsgründen vorzeitig entlassen werden müssen.

Prompt stieg die Zahl der Untauglichen um zehn Prozent, während die Gruppe der vorübergehend nicht Wehrfähigen um sieben Prozent kleiner wurde. Unverständlich bleibt dabei nur, warum immer noch junge Männer eingezogen werden, die partout mit der Bundeswehr nichts zu tun haben wollen.

Vielleicht müssen die Musterungskriterien ja noch einmal einem Fein-Tuning unterworfen werden.

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(SZ vom 28.8.2007)