Zu viele Aufgaben, zu wenig Geld, gewaltige Führungsprobleme: Bundeswehrverbands-Chef Kirsch redet Klartext. Er liegt ganz auf der kritischen Linie des Wehrbeauftragten.
Seit einigen Wochen erst ist Ulrich Kirsch, 57, der Chef des Bundeswehrverbandes. Der schnauzbärtige Oberstleutnant kritisiert den Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan.
Bild vergrößern
Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, sieht zahlreiche Mängel. (© Foto: dpa)
Anzeige
SZ: Wie schätzen Sie die Stimmung in der Bundeswehr ein, Herr Kirsch?
Ulrich Kirsch: Im Vergleich zum Ergebnis unserer Mitgliederbefragung 2007 hat sich grundlegend nichts verändert. Damals haben 80 Prozent der Befragten gesagt, sie würden den Soldatenberuf wieder ergreifen. Aber fast genauso viele wollten den Beruf anderen nicht empfehlen. Gründe waren viele soziale Nadelstiche im Alltag, die Zunahme der Auslandseinsätze und der fehlende Rückhalt in der Gesellschaft. Das spiegelt sich auch im Bericht des Wehrbeauftragten wider.
SZ: Der von Ihnen angesprochene Reinhold Robbe stellt häufiges Fehlverhalten militärischer Führer fest. Teilen Sie diese Beobachtung?
Kirsch: Natürlich verschiebt sich bei dem einen oder anderen das Koordinatensystem. Da muss nachgesteuert werden. Wenn man die Zahl der Fälle bezogen auf die Gesamtzahl der Soldaten sieht, dann relativiert sich aber das eine oder andere.
SZ: Führer der mittleren Ebene fühlen sich angeblich von ihren Vorgesetzten alleingelassen.
Kirsch: Das deckt sich mit unseren Erkenntnissen und liegt natürlich auch daran, dass wir mit den Einsätzen eine Herkulesaufgabe zu bewältigen haben. Wir haben noch nicht die Strukturen, mit denen wir diese Einsätze bewältigen können. Wir sind total auf Kante genäht. Es gibt kaum noch Spielraum, sich mal aus der täglichen Anspannung herauszunehmen und Dinge zu tun, die auch wichtig sind, beispielsweise politische Bildung, Weiterbildung, Sport.
SZ: Robbe sagt weiter: "Das Vertrauen in die höhere militärische und politische Führung nimmt ab."
Kirsch: Auch das hat schon unsere Mitgliederbefragung ergeben.
SZ: ... und engagierte Vorgesetzte zögen sich resigniert zurück.
Kirsch: Das kann ich aufgrund der Gespräche, die ich führe, bestätigen.
SZ: Besonders kritisch sieht Robbe die Situation bei den Militärärzten. Viele hätten innerlich gekündigt.
Kirsch: Das ist das Schlimmste, was passieren kann: Wenn engagierte Soldatinnen und Soldaten Verbesserungsvorschläge machen und dann - natürlich aus ihrer Sicht - zu der Auffassung gelangen, dass dies eher ignoriert wird. Dann wird Dienst nach Vorschrift gemacht, und das auch noch mit Unlust. Das ist das Allerletzte, was wir gebrauchen können.
SZ: Robbe sieht auch "auffällige Führungsschwächen und Führungsfehler" bei jungen Offizieren.
Kirsch: Jeder ist mal Berufsanfänger, und jeder schießt mal über das Ziel hinaus. Die Beispiele, die Robbe anführt, dürfen aber nicht hingenommen werden. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu sehr Fachleute ausbilden und dabei Kameradschaft und Menschenführung nach hinten gerückt werden.
SZ: Gerade das rügt der Wehrbeauftragte.
Kirsch: Die soziale Kompetenz muss bei einem militärischen Führer natürlich ganz oben stehen. Da müssen wir einfach noch mehr Wert drauf legen. Manches in dem Bericht spiegelt allerdings auch unsere gesamtgesellschaftliche Situation wider. Das darf keine Entschuldigung für Streitkräfte sein, vielmehr müssen wir vor diesem Hintergrund unsere Leute eben noch besser ausbilden.
SZ: Hat die vielgerühmte Innere Führung versagt?
Kirsch: Nein, auf keinen Fall. Sie ist aber anscheinend nicht immer von allen begriffen worden. Wir müssen uns auch die Zeit nehmen, die Innere Führung so zu transportieren, dass sie verstanden wird. Wenn man sich die Ansprüche anschaut, die dort formuliert sind, und dann die Rahmenbedingungen in der Wirklichkeit daneben legt, dann darf man nicht an der Inneren Führung zweifeln, sondern an dem, was an Rahmenbedingungen ermöglicht wird.
SZ: Was schlagen Sie der Bundeswehrführung vor, um den vom Wehrbeauftragten aufgezeigten Tendenzen entgegenzuwirken?
Kirsch: Zunächst muss man sagen, dass es viele Bereiche in der Bundeswehr gibt, wo die Verhältnisse nicht so sind, wie wir sie hier diskutieren. Das sagt ja Robbe selbst. In vielen Fällen hilft sich die Truppe auch selbst, etwa wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Dienst geht. Das kann es natürlich nur begrenzt sein. Da muss man einfach mehr Geld in die Hand nehmen.
SZ: Insgesamt gesehen also: Alles gar nicht so schlimm?
Kirsch: Das kann man so nicht sagen. Ich bin nur dafür, dass man sorgfältig trennt. Die Dinge, die Robbe herausgestellt hat, sind Herausforderung genug. Ich kann der politischen und militärischen Führung nur empfehlen, diesen Bericht außerordentlich ernst zu nehmen.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 07.04.2009/vw)
Protest gegen dritte Startbahn
Genau die Auslandseinsätze vermeiden den Rückhalt in der Gesellschaft.
Gegen die im Grundgesetz legitimierte Verteidigungsarmee, hat die Gesellschaft nichts. Zumindest mehr als zwei Drittel. Doch die Abkehr vom Grundgesetz durch die Politik und Justiz, hat keinen Rückhalt in der Gesellschaft.