Von Peter Münch und Peter Blechschmidt

Ronald Neumann, der amerikanische Botschafter in Kabul, rät der Bundeswehr, sich vor der Herausforderung nicht "wegzuducken".

Nach den jüngsten Unruhen erwarten die USA einen "blutigen Sommer" in Afghanistan. "Die Taliban glauben, dass die Nato-Staaten schwach sind und die Europäer weglaufen, wenn sie jetzt hart zuschlagen", sagte der US-Botschafter in Kabul, Ronald Neumann, im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung und fünf anderen europäischen Medien.

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Die Deutschen, die an diesem Donnerstag in Masar-i-Scharif das Kommando über die Internationale Schutztruppe Isaf in Nordafghanistan übernehmen, machten "einen guten Job". Doch die Bundeswehr müsse sich, auch wenn ihr Gebiet im Norden sicherer sei als der Süden, darauf einstellen, dass die Lage im ganzen Land derzeit instabiler werde.

"Es ist möglich, dass sie von Zeit zu Zeit getestet werden", sagte er. "Und ich hoffe, dass den deutschen Truppen erlaubt wird, sich den Tests zu stellen." Wer dies scheue, für den werde das Leben in Afghanistan noch härter. "In diesem Land wird man glaubwürdig, wenn man sich den Herausforderungen stellt, und es gibt eine große Verachtung für die, die sich wegducken", sagte Neumann. Die Deutschen müssten sich bei ihrer Diskussion über die wachsende Gefahr für ihre Soldaten fragen lassen, "ob die dortige Aufgabe kein Risiko wert ist".

Die Antwort darauf sei jedoch allein eine deutsche Entscheidung. Angesichts der "drastischen Alternativen" für Afghanistan dürften jedoch die an der Isaf-Mission beteiligten Nationen "nicht weglaufen, auch wenn es harte Monate gibt".

Mit dem Irak sei die Lage in Afghanistan aber nicht zu vergleichen, sagte Neumann, der vor einem Jahr aus Bagdad auf den Botschafter-Posten in Kabul gewechselt ist und im Januar nur knapp einem Selbstmord-Attentat entkam. In Afghanistan werde der Kampf von vielen zersplitterten Gruppen geführt, die Taliban seien "nicht so furchtbar stark", sagte er. "Wenn es zu offenen Gefechten kommt, werden wir sie vernichten."

Taliban stürmen Polizeikaserne

Der außenpolitische Experte der FDP, Werner Hoyer, sieht die Entwicklung in Afghanistan auch als Nagelprobe für die Nato. "Wenn die Nato diese Mission aufgibt, kann sie zumachen", sagte Hoyer am Mittwoch in Berlin.

Auch die Unterscheidung zwischen der friedenssichernden Aufgabe der Isaf und der Anti-Terror-Operation "Enduring Freedom" sei nicht länger aufrechtzuerhalten. Bei der Bekämpfung der regionalen Kriegsherren und der Drogenbarone sei man in den vergangenen Jahren keinen Schritt weitergekommen. "Wir stehen vor dem Scheitern des Konzepts des lächelnden Soldaten", sagte Hoyer mit Blick auf das Argument, dass speziell die Bundeswehr mit ihrer Aufbauarbeit Vertrauen in der Bevölkerung schaffen wolle.

Die US-Armee in Kabul verteidigte am Mittwoch ihren Einsatz von Waffen bei den Unruhen vom Montag als Notwehr. Es seien Schüsse aus der Menge wie auch von US-Soldaten abgefeuert worden, sagte ein Militärsprecher am Mittwoch.

Es sei unklar, welche Seite zuerst geschossen habe. Bei einem Verkehrsunfall und den daraus folgenden heftigsten Ausschreitungen in Kabul seit dem Sturz der Taliban Ende 2001 wurden laut afghanischen Behörden insgesamt 20 Menschen getötet. Hunderte Kämpfer der radikalislamischen Taliban stürmten unterdessen in Mittelafghanistan eine Polizeikaserne. Vorausgegangen sei ein stundenlanges Gefecht der Rebellen mit etwa hundert Polizisten.

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(SZ vom 1.6.2006)