Bundeswehr in Afghanistan Abgekapselt und nutzlos

Die Bundeswehr habe ihre Soldaten in den Camps abgeschottet, Kontakt mit der Bevölkerung habe es zu selten gegeben, findet Rupert Neudeck.

Die Bundeswehr war nie wirklich in Afghanistan. Die Soldaten agierten abgeschottet in ihren Camps. Kontakt zur Bevölkerung gab es kaum, auf dem Land haben sie nichts bewirkt. Deutschland sollte künftig auf solche Einsätze verzichten.

Ein Gastbeitrag von Rupert Neudeck

Die Bundeswehr in Afghanistan war von Anbeginn ein Mythos. Und einen Mythos muss man vor der Entmythologisierung schützen und bewahren. Deshalb fliegen auch die Minister, Staatssekretäre, Abgeordnete aller Parteien, Tausendschaften von Journalisten immer wieder dorthin, bis kein deutscher Soldat mehr da ist.

Interessant: Sie alle behaupten, nach Afghanistan zu fliegen. In Wirklichkeit begeben sie sich wie ein Dieb in der Nacht in eine der Kasernen der Bundeswehr, die einen exterritorialen Flughafen haben. Nicht mal die Regierung in Kabul erfährt von der Reise der deutschen Repräsentanten. Ein Abgeordneter, der es nicht mehr ist, rühmte sich einmal, dass er in seiner Zeit 40 Mal in Afghanistan gewesen sei. Er meinte natürlich: Er sei 40 Mal bei der Bundeswehr gewesen. Die agiert dort wie in abgeschlossenen Weltraumkapseln - wo es alles gibt, auf das ein deutscher Bürger Anspruch hat.

Der damalige deutsche Verteidigungsminister Thomas de Maizière flog am 11. Dezember zu seinem traditionellen Weihnachtsbesuch nach Mazar-i-Scharif. D. h., er flog natürlich nicht in die afghanische Stadt, sondern in das außerhalb gelegene Camp der Bundeswehr. Ursula von der Leyen ließ die Gelegenheit nicht aus, einen Tag nach ihrer Ernennung als Verteidigungsministerin einen zweiten Weihnachtsbesuch in der Kaserne zu machen, sie nahm natürlich ein Team des ZDF und ein Team der ARD und vierzig Journalisten mit.

Schokolade für die Kinder vor den TV-Kameras

Einerseits sollten unsere Soldaten dort keinen Krieg führen, es gab ja auch keine Frontlinien. Andererseits sind alle Afghanen außerhalb des Camps verdächtig. Außer den Kindern, denen deutsche Soldaten im Beisein von TV-Teams Schokolade oder Spielzeug zusteckten. Es gab und gibt keinerlei Verbindung mit dem Leben der Afghanen außerhalb der exterritorialen Weltraumkapsel, genannt Camp Marmal. Diese reine Präsenz ohne Kontakt zur Bevölkerung ist auf Dauer unsinnig, in einem Land, das von dem geschichtlichen Stolz zehrt, Kolonialmächte wie Großbritannien aus seinen Grenzen geworfen zu haben.

Das Entscheidende, was man den Soldaten wirklich abnehmen kann: Sie haben Langeweile. Sie treiben exzessiv Sport. Die meisten sind Schreibstubenagenten und sollen das auch sein, denn auf einen kämpfenden Soldaten in Afghanistan kommen etwa vier Logistiker in Uniform. So haben 85 Prozent der Soldaten nie Berührung mit einem normalen Afghanen auf der Straße. Sie sollen dadurch Eindruck machen, dass sie in mauerbetonierten Riesenarealen Achtung gebietend einfach nur außerhalb-innerhalb Afghanistans da sind. Ihre Handys haben deutsche Nummern, ihr Bier ist ein deutsches Produkt, das so pünktlich kommt, dass niemand auf die zwei Dosen am Abend verzichten muss.

Als die Nato-Staaten auf die unsinnige Idee gekommen waren, überall Wachbataillone hinter großen Mauern und Palisaden im ganzen Land zu stationieren, suchte eine Prüfkommission des Bundesverteidigungsministeriums den sichersten Ort in dem relativ unsicheren Afghanistan. Der Vorgang war an Lächerlichkeit nicht zu überbieten. Sie fand ihn in Kundus. Die afghanischen Mitarbeiter auf den Baustellen der Grünhelm-Projekte in der afghanischen Provinz Karoq dachten, wir Deutschen seien verrückt.

Auf die Frage, warum die deutschen Soldaten ausgerechnet nach Kundus gingen, konnten wir ihnen nur sagen: weil die Bundesregierung der Überzeugung ist, Kundus sei der sicherste Platz in Afghanistan. Unsere Afghanen kratzten sich hinter dem Ohr und meinten etwas verlegen: "Aber wenn das doch der sicherste Platz ist, dann brauchen sie doch nicht dahin zu gehen mit ihren Waffen!?"

Frühstücken mit der Truppe

mehr...

Die sicherste Zeit in Afghanistan war die ohne all die Militärs aus aller Herren Ländern. Die Grünhelme feierten im Juli 2002 die erste Eröffnung einer Klinik in dem größeren Ort Dashte Kalar, Provinz Takhar, im Norden des Landes, nicht weit von Kundus. Der deutsche Botschafter schickte Vertreter mit zwei Autos, die zwei Tage unterwegs waren, die ganz begeistert waren, weil sie das Land kennenlernten. Sie bedankten sich später für die Einladung. Sie kamen ohne Bundeswehrsoldaten. In späteren Jahren wollte das keiner mehr glauben. Denn seit es diese ummauerte Festung bei Kundus gab, war das Camp für die deutsche Politik: Afghanistan. Kein Funktionsträger der deutschen Politik sollte sich "außerhalb des Mandatsgebietes der Bundeswehr" aufhalten. Wer sich dem entzog, galt als mutig.