Bundestagswahl 2017 Von AfD-Hochburgen und welkenden SPD-Landschaften

Wo bekamen die im Bundestag vertretenen Parteien besonders viele Zweitstimmen - und wo am wenigsten? Eine regionale Analyse der Wahlergebnisse.

Von Daria Widmann, Martina Schories und Oliver Das Gupta

Die Zweitstimmenergebnisse der Bundestagswahl 2017 sind in vielfacher Hinsicht bemerkenswert.

Die Ergebnisse klaffen extrem auseinander: Die CDU bewegt sich zwischen 13,9 Prozent in Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg Prenzlauer Berg Ost und 53,1 Prozent in Cloppenburg - Vechta. Die SPD kommt im Wahlkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge auf 7,8 Prozent, wo die AfD 35,5 Prozent der Stimmen erzielt.

In Metropolen schneiden die traditonellen Volksparteien CDU/CSU und SPD oft weniger gut ab - und die kleineren Parteien FDP, Linke und Grüne punkten. Bei der radikal rechten AfD wiederum gibt es ein klares West-Ost-Gefälle. Eine Übersicht.

CDU und CSU

Der deutliche Schwund, den die Union im Gesamtergebnis hinnehmen musste, wird beim Blick auf die Deutschlandkarte deutlich. Bastionen wie in der Vergangenheit sind inzwischen selten, selbst in Bayern. Zwar ist die CSU im Freistaat in allen Wahlkreisen stärkste politische Kraft - allerdings in der Regel abgeschmolzen auf unter 50 Prozent, in den Großstädten München und Nürnberg teilweise deutlich unter 30 Prozent.

Ähnliches gilt für die Schwesterpartei CDU im Osten: Dort ist ihre frühere Dominanz mit dem Aufstieg der AfD deutlich verringert, vor allem im einst schwarzen Sachsen ist diese Entwicklung sichtbar. Auch in den Großstädten gaben weniger Wähler der CDU die Zweitstimme.

Wesentlichen Rückhalt gibt es für die Christdemokraten im ländlichen Raum der alten Bundesländer: Vom Bodensee über Rheinland-Pfalz, Westfalen und Niedersachsen bis nach Schleswig-Holstein geht der Bogen von Wahlkreisen, in denen Angela Merkels Partei zwischen 35 Prozent und 53 Prozent erreichen konnte.

SPD

Bundesweit schnitten die Sozialdemokraten so schlecht ab wie noch nie nach dem Zweiten Weltkrieg. Bei den Zweitstimmen zeigt sich, dass selbst in den Bundesländern, wo die SPD die Ministerpräsidentin oder den Ministerpräsidenten stellt, ziemlich wenig zu holen war für die Genossen - das gilt für den Westen wie den Osten. Südlich des Mains kam die Traditionspartei nirgends über 30 Prozent, nicht im Saarland, nicht in Rheinland-Pfalz, wo seit 1991 Sozialdemokraten in der Staatskanzlei amtieren. Und selbst in den SPD-regierten Städten wie München, Nürnberg oder Frankfurt am Main blieb Hellrot weit unter früheren Werten. Schlusslicht bei den Wahlkreisen aus SPD-Sicht wurde die AfD-Hochburg Sächsische Schweiz-Osterzgebirge: Hier landeten die Genossen bei nur 7,8 Prozent noch hinter der FDP.

In der nördlichen Hälfte der Republik sieht das Bild anders aus: In Nordrhein-Westfalen gaben vor allem im Ruhrgebiet mehr als 30 Prozent der Wähler ihre Zweitstimme der SPD, die einstige sozialdemokratische "Herzkammer" flimmert also noch. Auch in Nordhessen und den seit Kriegsende SPD-dominierten Stadtstaaten Bremen und Hamburg (fast ununterbrochen) sowie in Hannover gaben spürbar mehr Bürger der Partei von Helmut Schmidt und Gerhard Schröder ihre Zweitstimme.

Erwähnenswert sind zwei Wahlkreise: Im niedersächsischen Salzgitter-Wolfenbüttel wurde die SPD mit 32,4 Prozent stärkste Partei - es ist der Wahlkreis von Sigmar Gabriel, der den Parteivorsitz Anfang des Jahres an den gescheiterten Kanzlerkandidaten Martin Schulz weitergab. Herauszuheben ist außerdem der nordwestlichste Wahlkreis Deutschlands. In Aurich-Emden bleibt seit 1949 im Ergebnis alles gleich: Hier erhält das Direktmandat stets ein Sozialdemokrat, hier schnitt die SPD mit 37,8 Prozent bei den Zweitstimmen am besten ab.

AfD

Die Parlamentsneulinge konnten vor allem in Ostdeutschland besonders auftrumpfen. Schwerpunkt ist Sachsen, wo die radikal rechte Partei neben drei Direktmandaten auch in sechs Wahlkreisen stärkste politische Kraft wurde. Aber auch in Westdeutschland gelang der AfD Bemerkenswertes, etwa in Bayern, wo sie bei den Zweitstimmen vielerorts vor der SPD lag und in Deggendorf sogar 19,2 Prozent erreichte.

Die AfD schwächelt vor allem im urbanen Raum in den alten Bundesländern: In Köln II entfielen 5,1 Prozent auf die Partei, in Kiel 6,9 Prozent, der niedrigste Wert kam mit 4,9 Prozent aus Münster. Anders sieht es im Osten aus: Im Berliner Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf erreichte die AfD 21,6 Prozent, in Dresden I 23,1 und in Dresden II sogar 23,3 Prozent.

Den Spitzenwert erreichte die AfD im Stimmkreis Sächsische Schweiz - Osterzgebirge von Parteichefin Frauke Petry mit 35,5 Prozent - was sich parteiintern als spannend erweisen könnte. Petrys Rivale Alexander Gauland konnte in seinem Wahlkreis Frankfurt (Oder) - Oder-Spree für die AfD im Vergleich zu Petry nur magere 22,1 Prozent der Zweitstimmen einsammeln. Außerdem unterlag er beim Direktmandat auch noch einem CDU-Politiker, der Flüchtlinge bei sich aufgenommen hat.

FDP

Die Liberalen sind mit einem sehr guten Ergebnis zurück in den Bundestag gekommen. Sie haben zwar als einzige Parlamentspartei kein Direktmandat erringen können, schnitten aber bei den Zweitstimmen teilweise beachtlich ab.

In jedem Bundestagswahlkreis kamen die Freidemokraten über die Fünf-Prozent-Hürde. Im Osten wie im Westen, im Süden wie im Norden - überall konnte die FDP punkten. Selbst im ländlichen Raum, wo die Freidemokraten über Jahre oft eher einen Exotenstatus hatten.

Die aus FDP-Sicht besten Resultate kamen aus den alten Bundesländern, in Wahlkreisen, wo der Wohlstand ein gehobenes Niveau hat. Den Spitzenwert bei den Zweitstimmen bekam die FDP im Wahlkreis Düsseldorf I mit 19,7 Prozent, im Wahlkreis von Spitzenkandidat Christian Lindner entfielen auf die Partei 16,6 Prozent.

Die Linke

Die Sozialisten wurden in allen vier rein und auch in den zwei teilweise Ost-Berliner Wahlkreisen stärkste politische Kraft mit Werten zwischen 21,4 Prozent und 29,3 Prozent. Ostdeutschland ist für die Nachfolgerin der früheren DDR-Staatspartei SED nach wie vor das Terrain, auf dem sie am meisten Zweitstimmen einsammeln kann.

Allerdings konnte die Linkspartei bei dieser Wahl auch im Westen bemerkenswert zulegen: Abgesehen von meist in Bayern liegenden Wahlkreisen kam die Linke fast überall auf mehr als fünf Prozent der Zweitstimmen.

Besonders gut schnitt Dunkelrot mit 15,7 Prozent in Hamburg-Altona ab, fast ebenso hoch sind die Werte aus den Wahlkreisen Hamburg-Mitte und Saarbrücken.

Die Grünen

Die nach der CSU zahlenmäßig kleinste im Bundestag vertretene Partei erhielt vor allem in städtischen Wahlkreisen viele Zweitstimmen. Heidelberg, Stuttgart, Köln II und III, Kiel, Karlsruhe, Frankfurt am Main, Wahlkreise in West-Berlin und in Hamburg: Je urbaner und westlicher, desto erfolgreicher waren die Grünen. In München überholten sie sogar die SPD und wurden zweitstärkste politische Kraft.

Besonders viele Wähler gaben den Grünen in Freiburg ihre Zweitstimme, 21,2 Prozent. Spitzenkandidat Cem Özdemir, verfehlte knapp ein Direktmandat im Wahlkreis Stuttgart I, seine Partei erhielt dort 19,6 Prozent. Ihr einziges Direktmandat errang die Partei im Wahlkreis Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg - Prenzlauer Berg Ost durch Canan Bayram.

Miserabel sind dagegen die Grünen-Resultate in den neuen Bundesländern: In 14 ostdeutschen Wahlkreisen erhielt die Partei weniger als drei Prozent der Zweitstimmen. Der Tiefstwert kam aus dem Erzgebirgskreis I mit 2,2 Prozent. In Erfurt-Weimar-Weimarer Land II, dem Wahlkreis ihrer zweiten Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt, erreichten die Grünen immerhin 7,6 Prozent.

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